AKTUELL
Artikel aus der größten tschechischen
Wirtschaftszeitung "Hospodárské noviny" vom 5. Juni
2003
Über Deutsche, EU und Austreibung der großen
Illusionen in einem kleinen Land
Autor: Miroslav Petr
Übersetzung: Richard Šulko
Als vor dreizehn Jahren die Mitglieder der sudetendeutschen
Vereinigung "Egerland - Jugend" zum erstenmal auf den
Klosterfriedhof des Prämonstratenser Stiftes in Tepl bei
Marienbad kamen, begrüßte sie nur die verwüstete Gruft und ein
überwucherter Friedhof. Sie besorgten sich Sensen und gemeinsam
mit den Deutschen aus dem Egerland machten sie sich ans Werk.
Heute sieht der Friedhof ganz anders aus. Wegen der
Instandhaltung und Renovierungsarbeiten treffen sich die
Deutschen aus beiden Seiten der Grenze aber weiterhin. "I
einem Jahr werden wir scheinbar schon alle in der EU sein. Wir
arbeiten also auf unserem gemeinsamen Eigentum" sagt ein
Deutscher Arbeiter mit erkennbarer Übertreibung.
Tanz um die weißen Strümpfe
"Es wird eine bessere Ordnung sein" glaubt Elfriede
Sulková aus Plachtin bei Netschetin, Mitglied von einer der zehn
Ortsgruppen vom hiesigen "Bund der Deutschen - Landschaft
Egerland". "Auch die Verhältnisse zwischen Deutschen
und Tschechen" werden besser sein, ergänzt sie.
Vorsitzender dieser Organisation und ihr Sohn Richard Sulko
betrachtet den Beitritt zur EU als eine Notwendigkeit. Er
behauptet, daß die Deutschen in der CR in der Volksabstimmung
mit Ja stimmen sollten.
"Die Union hilft Vorurteile abzubauen, mit denen die
hiesigen Bewohner die Deutschen ansehen", sagt Sulko.
"Noch viele Menschen stecken nämlich uns alle in einen Sack
und sehen in uns immer noch Revanchisten, die die Republik
zersetzen wollen. Diese Dummheit haben viele Jahre Kommunisten
behauptet, in den Köpfen den Menschen bleibt sie aber"
meint er. Als eine Gruppe der Egeränder in ihren
Traditionstrachten vor einiger Zeit in Netschetin auftrat, war
daraus ein schöner Aufbruch. "Als sie unsere weißen
Strümpfe sahen, fangen sie an zu pfeifen", lacht Frantisek
Siroký, einer der dabei war.
Einmal wird es uns allen besser gehen, ihr werdet sehen
Keiner macht sich Illusionen, daß nach dem EU- Beitritt von
alleine eine grundsätzliche Kehre kommt.
"Vorurteile und die sog. Xenophobie - Gefühle verschwinden
scheinbar erst dann, wenn die hier lebenden Menschen sehen
werden, wie es im vereinigten Europa funktioniert. Und bis das
Lebensniveau in Tschechien steigen wird," meit Sulko,
Vorsitzender der "verbliebenen" Egerländer.
Die Deutschen in der CR haben mit der Antwort Ja oder Nein beim
EU - Beitritt kein Problem .
"Wir sind ein kleines Land und es geht nicht, daß alle
rundherum in der Union sind und wir nicht", erklärt Krista
Hrubá, Geschäftsführerin des Egerländer Begegnungszetrums
Balthasar - Neumann. Sie behauptet, daß im 21. Jahrhundert nicht
mehr möglich ist, daß die Grenzen Menschen teilen. Über die
Abstimmung zum Beitritt wird auch ihr Kollege Jürgen Rak nicht
lange überlegen. "Ich bin für den Beitritt, aber ich mache
mir keinesfalls Illusionen, daß es ein Spaziergang durch dem
Rosengarten sein wird" sagt ein Mann, dessen beiden Eltern
Deutsche waren, der aber als Kriegswaise in einer tschechischen
Familie aufwuchs.
Hitler und Stalin auf dem Egerer Marktplatz
Verwandte der Sudetendeutschen sind faßt alle, die den alten
Friedhof pflegen. Es treffen sich Nachkommen derer, die
vertrieben worden sind und auch der "glücklicheren",
die in der Heimat bleiben konnten. Das Thema Nr. 1 sind also
immer die sog. "Benesch - Dekrete".
"Hitler hat die Sudetendeutschen mißbraucht" meint
Krista Hrubá. "Aber ähnlich war es auch unter den
Kommunisten. Auf dem Egerer Marktplatz wurde kurzum
"Heil" unter Hitler gerufen und später auch unter
Stalin." Die Vertreibung von Millionen Deutschen
rechtfertigt nichts, sagt Hrubá. Jürgen Rak lehnt dieses Thema
ganz ab. "Sie können Tausende Argumente bringen, aber das
bringt nichts. Die, die sie nicht sehen wollen, sehen sie einfach
nicht", winkt er überdrüssig mit der Hand.
Unendliche Debatten über einen reinen Tisch
Sechsunddreißigjähriger Vorsitzender der Egerland- Jugend
Volker Jobst, dessen Vorfahren aus dem Sudetenland stammen, sieht
klar: einmal wird die Frage um die Dekrete sowieso gelöst werden
müssen.
"Es sieht so aus, daß die Politiker warten, bis alle die
gestorben sind, die durch die Dekrete betroffen waren. Ich bin
für einen dicken Strich hinter die Vergangenheit, aber zuerst
soll der Tisch rein gemacht werden. Ohne das können in der Union
keine Staaten und Nationalitäten zusammenarbeiten" sagt
Jobst. Seine Organisation ist ein Teil der Sudetendeutschen
Landsmannschaft, in der verschiedene Meinungen über das
"saubermachen" zu finden sind. Jobst behauptet, daß es
den jungen Mitgliedern der Sudetendeutschen Landsmannschaft heute
nicht vor allem um die Entschädigung oder Rückgabe des
Eigentums geht. "Viel mehr geht es um die moralische
Verurteilung der Vertreibung", erklärt er.
Mehr noch - die meisten Vertriebenen wollten laut Jobst nicht
mehr zurück, "wir haben uns in Deutschland
angewöhnt", sagt er.
Die EU - Osterweiterung ist laut Jobst wichtig. "Aber nicht
um jeden Preis" ergänzt der Chef der Egerland - Jugend und
nimmt wieder die Motorsense in die Hand.
Der Weg aus Stuttgart in den Fitneßraum
Auf dem Friedhof plagt sich nicht nur seine Familie, aber auch
andere Freiwillige aus Deutschland und Böhmen. Auch Kinder der
tschechischen Volkstanzgruppe Stázka aus der Stadt Tepl sind
dabei. Bis aus Wasseralfingen in der Nähe von Stuttgart kommt
zum Einsatz seit Jahren der Karl Heinz Seufferle, Ehemann einer
Sudetendeutschen, die nach dem Kriegsende aus Eger ausgesiedelt
wurde.
"Tschechen sollen in der EU nicht fehlen. Aber ihr müßt
damit rechnen, daß der Anfang schwer sein wird. Union ist eine
teuere Angelegenheit" sagt er binnen einer Pause. In einer
Weile schleppt er schon wieder noch mit anderen schwere
Betonblöcke aus der Gruft.
Bis sie hier alles aufkaufen….
Prämonstratenser und Repräsentanten von der Stadt Tepl sprechen
über die ganze Gruppe wie über Ethusiasten, die sich
uneigennützig um eine pietätvolle Stätte kümmern, die in der
vergangenen Jahrzehnten herunterkommen ist.
"Im Grenzgebiet brauchen wir so eine Zusammenarbeit. Ich
hoffe, daß nach dem EU- Beitritt mehrere solche Aktivitäten
kommen" freut sich der Bürgermeister aus der Stadt Tepl,
Herr Pavel Charvát.
Ähnlich spricht auch der Administrator der Prämonstratenser aus
dem Kloster Tepl. P. Augustin Kovácik. "Diese Menschen
pflegen den Friedhof seit Jahren und immer machen sie einen ganz
schönen Stück Arbeit".
Ein paar Stimmen, die diese Aktion nicht überzeugen kann, findet
man selbstverständlich auch. "Ich werde gegen den Beitritt
stimmen. Deutsche würden hier gleich alles aufkaufen" sagt
ein Mann in der Nähe vom Kloster. Das Argument, daß jeder und
überall Immobilien kaufen kann, kennt er nicht an. "Sie
haben das nötige Geld dazu, im Unterschied zu uns."
Und was sagt er zu dem, das die Deutschen den Friedhof pflegen?
Das bedeute nichts. "Falls er einen Wert hat, würden sich
aus unsere Leute früher oder später die Zeit nehmen",
beendet die Debatte beim Restaurant einer von den örtlichen
Bewohnern.
|