Deutsche in der Tschechoslowakei und die Wende 1989
Wende 1989 und die Deutschen in der Tschechoslowakei
Richard Sulko
Es ist ein schöner, warmer Abend, 2. Juni 2009. Ich befinde mich auf Dienstreise und werde heute in einem Städtchen bei Brünn übernachten. Ich bekam den „Auftrag“ etwas über die Gefühle eines Deutschen zu schreiben, die er genau vor zwanzig Jahren hatte. Ein Grund also ein wenig stehen zu bleiben und nachzudenken. Dass ich mich als Geschäftsmann hier befinden kann, kann ich eigentlich der „samtenen Revolution“ danken…
Wie fing aber alles an?
Sommer 1989: ich kann deutsches Fernsehen verfolgen und die Proteste auf dem Wenzelsplatz in Prag. Mein persönliches Leben sollte aber einen anderen Lauf nehmen: Als im August 1989 meine Oma aus der „Westzone“ bei uns zu Besuch war, gab ich ihr alle meine Zeugnisse mit, um nach Weihnachten 1989 „abzuhauen“ und vom 1. Januar 1990 ein neues Leben anzufangen… Nun kam November 1989 und jeder, wirklich jeder spürte: „Das ist etwas ganz besonderes, was hier lost ist!“ Ich arbeitete damals als Technologe in der Stahlgießerei SKODA in Pilsen. Ich wurde dadurch bekannt, dass ich jedes Jahr den „Westen“ besuchte und naiv über das Lebensniveau in der Bundesrepublik jedem erzählte. Dazu habe ich zweimal abgelehnt Mitglied der kommunistischen Partei zu werden und als eifriger Christ und Ministrant war ich ja auch tätig. Dazu „erzog“ mich noch unser Pfarrer Vojtech Pesek, der als ein gefährliches „Element“ nach der Inhaftierung und Zwangsarbeit in Pilsen nach Netschetin „verschoben“ wurde um keinen „Schaden“ anzurichten. Und gerade dieser Priester führte mich zum Leben mit dem Herrgott.
Nun zurück ins Jahr 1989: Ich kann mich nicht mehr an den Tag erinnern, aber es war kurz vor den Generalstreik am 27. November 1989: in meiner Abteilung wurde ich als Sprecher des „Bürgerforums“ gewählt. Nun bekam ich die Verantwortung meinem Chef mitzuteilen, dass unsere Abteilung an dem Generalstreik beteiligt wird. Noch heute, nach zwanzig Jahren kann ich das Herzklopfen spüren, mit dem ich es in dem Chef mitteilte. Aus dem „Neuanfang“ in Deutschland wurde also nichts und ich kam mit meiner Familie am 1. 1. 1990 schön „brav“ mit dem Zug wieder nach Hause um die „Revolution“ zu vollenden. Nun sind zwanzig Jahre vergangen. Das dritte Kind kam durch die „Revolution - Euphorie“ auf die Welt und vor kurzem auch das erste Enkelkind. Nun muss auf die Frage des langsam ungeduldig werdenden Lesers antworten: „wie erlebten die Deutschen in der Tschechoslowakei als Deutsche diese Zeit?“
Wie man aus vorherigen Zeilen entnehmen kann, war die Frage des „Deutschtums“ eigentlich nie ein Thema für mich. Ich bin Jahrgang 1960 und nahm meine Zweisprachigkeit als einen ganz normalen Zustand. In der Schule und Zuhause sprach ich „Böimisch“ und als ich zu meiner Urgroßmutter nach Plachtin kam, „switchte“ ich um und aus mir wurde ein „Egerländer“, also ein „Daitscher“. Für mich war das ein ganz normaler Zustand. Das „Hauptthema“ für mich war nicht ein „Vereinsleben“ oder „Deutschtum“, sondern wie kann ich als Christ und „Nichtkommunist“ die Familie ernähern. Wir kannten kein Vereinsleben, den „Kulturverband Bürger deutscher Nationalität“ gab es bei uns nicht. Die „Errungenschaften“ der Demokratie die Möglichkeit einen Verein sogar für Deutsche zu haben nutzte ich im Jahre 1991 aus, als ich bei meinem Schwiegervater die Beitrittserklärung zur „Organisation der Deutschen in Westböhmen“ fand. Ich fing sofort mit dem Vereinsleben an und gründete die Ortsgruppe Netschetin. Die Arbeit des Verbandes wurde vom Anfang durch unseren Gründer Seff Heil und viele anderen Vertriebenen Egerländer und Sudetendeutsche mit Rat und Tat unterstützt. Wir lernten, wie das Vereinsleben funktioniert, wie man eine Wahl durchführt und vieles mehr. Nun nach zwanzig Jahren können wir Früchte dieser Unterstützung ernten. Unsere Identität, die wir durch die „innere Vertreibung“ und vierzig Jahren Kommunismus verloren haben, kehrt langsam wieder zurück, auch wenn unsere Enkelsenkelkinder scheinbar kein Deutsch mehr sprechen werden. Aber sie werden als Christen und Europäer für andere mit den Werten da sein, für die wir im November 1989 gekämpft haben.

