Plachtiner Dächer

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Geschrieben von Richard Sulko

Plachtiner Dächer
(Feuilleton)
Richard Sulko

Es ist ein Blick, der mich immer und immer aufs Neue mit Ruhe und Geborgenheit erfüllt: Der Blick auf die Plachtiner Dächer. Ob es beim Frühstück ist, und die Sonne langsam die Dächer „streift“, oder am Abend, als die Dächer langsam im Schatten verschwinden: es ist ein ganz eigenartiger Blick: Mein Geburtsort liegt „unter meinen Füßen“ in seiner ganzen Schönheit: obzwar erzählt wurde, dass „am Plachtin Kuchen nur von der einer Seite gebacken werden“, weil die Häuser nur auf einer Straßenseiten stand; für mich ist Plachtin immer das „schönste Fleck“ auf der ganzen Erde. Und mit dem „Kuchenbacken“ ist es auch nicht mehr so: es stehen schon mehrere Häuser auch auf der anderen Seite der Hauptstraße, die von Netschetin nach Anischau verläuft. Ich sitze auf meinem Platz am großen Esstisch und meine Gedanken fliegen in die Vergangenheit: was alles haben schon die Dachziegel erlebt? Vor wie viel Regen haben sie schon die Inwohner geschützt und wie viel Geheimnisse haben sie schon verdeckt? Fasst alle Dächer, die ich aus meinen Fenster sehen kann, haben deutsche Hände gelegt. Und es waren Deutsche, die unter diesen Dächern die verschiedensten Schicksale lebten: Kindergeburten, Krankheiten, erste Liebschaften, Weihnachten ohne Väter, die auf der Front fürs Vaterland kämpften, Abschiede von den Großeltern und zuletzt den Abschied bei der Vertreibung der Deutschen auch aus diesem kleinen Dorf mit fünfzig Hausnummern, welches ganz nahe der Sprachgrenze lag. Die Dachstühle könnten erzählen, wie die wertvollen Sachen hinten ihnen versteckt wurden, weil „wir ja wieder zurückkommen“. Aus dem „Zurückkommen“ wurde nichts und mancher „Goldgräber“ ist bei den Plünderungen reich geworden. „Mit einer Aktentasche  gekommen, mit drei Lastwagen weggefahren“, hat es in den ersten Nachkriegsjahren geheißen. Heute beschützen die Dächer andere Menschen. Sie sprechen eine andere Sprache aber Sorgen haben sie die gleichen: damit sie sich in ihren Familien und mit ihren Nächsten besser verstehen. Die Dächer können nur wenig etwas beitragen: das müssen die Leute schon selber machen!

 

 

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