"Vergessene Schicksale"
Christen Freude machen
(Auftritt bei Versöhnungskonferenz )
Richard Sulko
Am Wochenende vom 16. Zum 17. Mai 2008 luden die tschechische „Christliche Missionsgesellschaft“ und die „Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien“ zu einer Konferenz ein, die die „Vergessene Schicksale“ bearbeitete. Das Programm war reichlich mit interessanten Vorträgen und Diskussionen gefüllt. Es wurde Themen behandelt, wie z.B. Gegenwart und Zukunft der Deutschen in der Tschechischen Republik, tschechische Schuld an Deutschen, die nach 1945 in der Tschechoslowakei „geblieben“ sind, „Humanitäre Geste“ gegenüber der „Böhmisch Deutschen“ u.v.m. Am Freitagabend sollten die Anwesenden eine Abwechslung bekommen. Dipl. Ing. Tomas Dittrich hatte eine Idee: könnten nicht die hier „verbliebenen“ Deutschen um eine musikalische Umrahmung sorgen? Ich wurde gefragt und stimmte sofort zu. Ich erinnerte mich an eine ähnliche Konferenz vor drei Jahren und an die wunderbare freundliche Atmosphäre. Als Christ und jemand, der sich für die Versöhnung täglich einsetz muss man diesen Menschen behilflich sein. Den Lohn dafür bekommen wir dann von unserem Herrgott. Damit wir etwas Würdiges vorbereiten, haben wir ein stündiges Programm vorbereitet. Die Musikanten waren zwei Zitherspieler: Bertl Ruzicka aus Neudek und mein jüngerer Sohn Berti (Vojtech). Drei Generationen Unterschied und ein Gesang eines Egerländers dazu. Von Orchesterstücken, die die Elbe besangen, über Erzgebirgslieder vom Anton Günther bis zum egerländer Volkslied: es waren mehre „Kostproben“ von einem Kulturgut, was fast verschwunden war. Nach dem Kleinkonzert kamen einige Menschen auf uns zu und haben unsere Instrumente bewundert. Das ganze Konzert war für uns eine große Stärke für unsere weitere Arbeit und wir hoffen, dass man diesen Menschen, die sich mit den schwierigsten Themen beschäftigen, auch ein weinig Freude machen konnten.


Bekenntnis der Schuld der tschechischen Nation an der deutschen Minderheit, die bei uns nach dem Krieg verblieb
Unsere lieben deutschen Mitbürger,wir sind uns der großen Kompliziertheit des tausendjährigen Zusammenlebens der Tschechen und Deutschen auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik bewusst. Dieses Zusammenleben, das ausgezeichnete Früchte in Wissenschaft und Kultur hervorbrachte, erzeugte auch viele Zusammenstöße, oft begleitet von Gewalt. Mit Überraschung und Beklommenheit stehen wir heute vor der abgewandten Seite unserer jüngsten Geschichte. Mit Schrecken sehen wir die Taten der tschechischen Nation nach dem zweiten Weltkrieg. Wir wenden uns an Sie, die Sie in der Tschechoslowakei im Unterschied zu der Mehrheit unserer deutschen Landsleute verblieben sind.Gezwungen zu bleiben waren auch zehntausende Deutsche, die weggehen wollten. Etliche Deutsche in unserem Land haben Verwandte verloren, die wegen Gewalt, Hunger, Verweigerung oder Vernachlässigen der medizinischen Hilfe starben. Manche gingen durch das Leid der Internierungslager hindurch, worin Folter und Vergewaltigung geschahen, und wo sie oft an Hunger und Krankheiten litten. Vergewaltigungen, auch der Minderjährigen, geschahen aber auch außerhalb der Internierungslager.Die Deutschen, die verblieben sind, wurden ihres immobilen, und wenn noch etwas zu beschlagnahmen war, auch ihres mobilen Eigentums beraubt. Sie wurden aus ihren Häusern oder Wohnungen in schlechtere Bauten umgesiedelt. Die sog. Zerstreuung der Deutschen, die faktisch schon ab Sommer 1945 vor sich ging, hat den definitiven Verlust des Heims gebracht. Manche der Deutschen, die anfangs froh waren bleiben zu dürfen, wurden aufgrund des „Erlasses über die planmäßige Arbeitszuordnung der Deutschen“ gezwungen, ihre Heime im Grenzland gegen schlechteres Wohnen im Landesinneren auszutauschen, und die, die im Landesinneren „zerstreut“ waren, wurden meist sehr notdürftig untergebracht.ine Reihe von deutschen Familien oder Witwen mit Kindern waren ohne Geld und Unterstützung. Es war nichts da, wovon Kinder ernährt werden konnten. Deutsche bei uns starben auch später nach dem Krieg wegen Mangel an Medikamenten. Zum schlechten Gesundheitszustand trugen oft reduzierte Lebensmittelzuteilungen, schwerste Arbeit und ungeeignetes Wohnen bei. Es war ein Überleben, das manche nicht überlebt haben.Während der Nachkriegsjahre litten viele Deutsche auch deswegen, weil ihre Zwangsarbeit anfangs überhaupt nicht entlohnt und später niedriger bezahlt wurde als die Arbeit der Tschechen. Auch weiterhin durften die Deutschen bei uns nur untergeordneten Beschäftigungen nachgehen oder schwere, gefährliche Arbeiten (z.B. in den Uran-Bergwerken) ausführen. Wir haben sie als billige rechtlose Arbeitskraft ausgenutzt.In der Nachkriegs-Tschechoslowakei war es in der Öffentlichkeit verboten, die deutsche Sprache zu benutzen. Die Deutschen bei uns konnten noch lange nach dem Krieg nicht an den Hochschulen studieren, oft aber auch nicht die Mittelschulen besuchen. In deutschen Schulen erworbene Ausbildung wurde nicht anerkannt. Die böhmischen Deutschen verloren nach dem Krieg nach dem Prinzip der Kollektivschuld die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit und wurden in den 50er Jahren gegen ihren Willen Bürger eines kommunistischen Staates, welcher ihnen Kontakte zu ihren Verwandten im Westen unmöglich machte. Das Verhindern der Kontakte zu vertriebenen Verwandten und Freunden gehörte zum Leid der Deutschen bei uns bis in die 60er Jahre und im gewissen Maße auch noch später. Eine Reihe von Familien war und blieb getrennt.Obwohl in der Tschechoslowakei mehr als 200 000 Deutsche blieben, wurden alle deutschen Schulen geschlossen. Die deutsche Minderheit sollte planäßig durch Assimilierung liquidiert werden. Viele Deutsche, besonders in der zweiten und dritten Generation, wurden tschechisiert, einige nur „statistisch“. Die deutsche Minderheit wurde erst im Jahre 1968 anerkannt, es war aber nur eine formale Anerkennung – die Diskriminierung in unterschiedlicher Form ging bis zum Jahr 1989 weiter.Nach dem Fall des Kommunismus wurde bei uns zwar ein demokratisches Regierungssystem eingeführt, dieses aber hat nicht die Bereitschaft zur Reflexion der Vergangenheit gezeigt. Die Feststellungen der Historiker, von denen wir beim Aufzeigen der tschechischen Schuld ausgehen, haben nicht genügend Eingang in die Medien und Schulbücher, und schon gar nicht in das Bewußtsein der Öffentlichkeit gefunden, wenn auch die Situation sich zu bessern beginnt. Die kollektive Rechtlosigkeit, die wir gewöhnlich bei kommunistischen und diktatorischen Regimen zu verurteilen pflegen, erreichte bei uns nach dem Krieg ähnliche Dimensionen, aber unsere Nation weiß davon nicht.Die Versammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien hat dem Petitions- ausschuss des Parlaments der ČR einen „Vorschlag zur Entschädigung der Bürger der deutschen Nationalität in der Tschechischen Republik“ überreicht, der am 10.Januar 2002 von diesem Ausschuss abgelehnt wurde. Es ging dabei nur um eine humanitäre Geste gegenüber denen, die durch solch furchtbare Dinge hindurchgingen und doch am Leben blieben, aber unser Staat lehnte auch diesen entgegenkommenden Schritt ab. Dabei kommt es niemand in den Sinn, die Deutschen, die bei uns nach dem Krieg blieben, in Verbindung mit dem Hitler-Regime zu bringen. Es waren Leute, die sich in der Henlein- und Hitler-Zeit gegen den Nationalsozialismus stellten, oder Leute, die wir gezwungen haben zu bleiben. Ihre Schuld bestand nur aus einem: sie waren deutscher Nationalität.
Unsere lieben deutschen Mitbürger, es tut uns zutiefst leid, was unsere Nation Ihnen angetan hat. Wir freuen uns, dass es auch viele Berichte über ein menschliches Verhalten von Tschechen gibt, die Mut und Menschlichkeit bewiesen und bedrohten Deutschen halfen und sich für sie einsetzten. Das ändert aber nichts daran, dass eine gefühllose Verfolgung der Deutschen deutlich überwog. Es ist uns bewusst, dass auch in dem Fall, wenn Sie entschädigt werden (und wir werden uns dafür einsetzen), dies nur ein symbolischer Akt sein wird: die furchtbaren Dinge, die Sie und Ihre Nächsten durchlebten, können nicht wiedergutgemacht werden. Können Sie uns und unserer Nation so viel Unrecht und Grausamkeit, so viel Bosheit in reinster Form vergeben?
Wir bitten Sie, dass Sie uns vergeben
-den Tod Ihrer Nächsten,
-die Jahre der Gewalt, des Leids, der Erniedrigung und Angst,
-dass wir Sie um Ihr Eigentum gebracht haben,
-dass wir aus Ihnen nach dem Krieg Fremde in Ihrer eigenen Heimat gemacht haben, und dass Sie dadurch um Ihr Heimatgefühl gebracht wurden,
-dass wir planmäßig und langfristig an Ihrer Entnationalisierung gearbeitet haben und dass es bei uns so schwer war, Deutscher zu bleiben,
-dass wir Sie um die Möglichkeit der Ausbildung und des Besuchs von deutschen Schulen gebracht haben, so dass in weiteren Generationen das Deutsche gegenüber dem Tschechischen reduziert ist,
-dass wir bisher eine ehrliche Reflexion unserer Vergangenheit im Bezug auf Sie ablehnen.
Jaroslav Šelong, Vorsitzender von Křesťanská misijní společnost KMS (Christliche Missionsgesellschaft)
Ing. Petr Šimmer, stellvertretender Vorsitzender von KMS
Ing. Lubomír Ondráček, Sekretär von KMS
Ing.arch. Tomáš Dittrich, Chefredaktor von Život víry
und weitere Teilnehmer der Konferenz „Vergessene Schicksale“
In Prag am 16.Mai 2008

