Vom Mozart zum "kaltenbrunner Bruch"

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Geschrieben von Richard Sulko

Vom Mozart bis zum „kaltenbrunner Bruch“
( Ein wahres abenteuerliches Wochenende im Juni 2006)
Måla Richard

Mozart machte den Einfang …

„Am Samstag, den 17. Juni findet in der Kirche ´Sieben Schmerzen Marias´ in Rabenstein an der Schnella ein interessantes Konzert statt“ teilte uns unser Pfarrer vor einer Woche nach dem Sonntagsgottesdienst mit. Weil die „Missa Solemnis C-Dur (die Krönungsmesse)“ vom Wolfgang Amadeus Mozart unser Freund Milos Bok mit dem „Karlsbader Gesangschor“ und den „Tschechischen symphonischen Solisten“ einstudierte, beschloss ich dabei zu sein. Dieses Konzert startete ein hochwertiges Wochenende, was ich erleben dürfte. Pünktlich um 17.00 Uhr stieg der Milos auf das „Dirigentenpodest“ und die ersten Töne dieses wunderschönen Werkes erklungen. Die Kirche war voll besetzt, als unser Pfarrer aus der Sakristei herauskam. Meine Ohren genossen in der Abendsonne die schönen Töne und meine Blicke suchten in dieser Kirche die Reste der deutschen Vergangenheit. Sie konnten nichts finden, nur ahnen, dass hier Jahrhunderte lang Egerländer in diesem „kleinsten Städtchen Europas“ lebten. Nur auf dem Altar konnte man auf dem Tabernakel lateinische Schrift erkennen und auf dem Kreuzweg die übermalten deutschen Texte ahnen. Es war aber ein Herzergreifendes Erlebnis: mit einem guten Deutsch präsentierten sich die Sänger, in einer früher „deutschen“ Kirche, mit Gläubigen, die in der Mehrheit Tschechen bildeten.

Eine abenteuerliche Nacht im Zelt…

Das Kulturergebnis sollte aber nur der Anfang von vielen Erlebnissen a diesem Wochenende sein, wie ich später erfuhr. Mein Sohn, für den ich so wenig Zeit habe, träumte schon lange über eine Nacht im Zelt, was auf unserem Grundstück stünde. An diesem Samstag sollte sein Traum in Erfüllung gehen: ich packte unser kleines Zelt mit den Schlafsäcken ein und mein Sohn bereitete den Rest. Nach dem Besuch unserer „Stammkneipe“ „Am Rathaus“ in Netschetin, wo ich Pilsner Bier in die „PET- Flaschen“ einfüllen ließ, fuhren wir zuerst zu den „Målas“, wo wir die „Mama“ mit dem „Tata“ besuchten. An diesem Abend spielte die tschechische Nationalmannschaft gegen Ghana ihr Spiel bei der Weltmeisterschaft. Schon nach den ersten Minuten sagte mein Sohn zur mir. „gemma löwa scho dös Zelt baua“. Ich hielte es noch bis zum zweiten Tor aus, was unsere Mannschaft bekam und gab meine Hoffnung auf, dass wir gewinnen könnten. Nun auf zu unserem Gründstück! Das Zelt wurde in zwanzig Minuten gebaut und das Feuer brennte auch fünf Minuten später. Von der dicken Bratwurst, die meine Frau extra für diesen Abend einkaufte, tropften schon bald die ersten Fetttropfen. Mein Cholesterin – Spiegel freute sich an diesem Abend riesig, aber was ist etwas Fett in den Adern gegen einem romantischen Abend, wo der  Vater, der in vier Wochen seinen ersten Sohn heiratet, mit dem zweiten, vierzehjährigen Sohn den ganzen Abend plaudern kann? Die Sonne stieg langsam hinter dem Wald herunter. Das Feuer ging langsam aus und der „Tata mit seinam Bou“ bereiten sich auf die Nacht vor. Es war schon ziemlich dunkel, als wir in den Schlafsäcken verschwanden. Todmüde schliefen wir dann sofort ein. „Quak, quak, quak“ weckte mich kurz nach Mitternacht ein „Froschkonzert“. Barfuss schlich in auf dem nassen Gras zu einem Baum, wo ich den „Gambrinus“ loswurde. Es ist kalt geworden. Ich kroch ganz tief in den Schlafsack hinein und versuchte einzuschlafen. Mein Sohn neben mir hustete ein wenig. Mit dem Gedanken „hoffentlich wird er nicht krank“ schlief ich neu ein. Ein lautes „Bum, bum, bum, bum“ weckte mich um halb vier. Ein wenig ängstlich dachte ich nach, was das sein sollte: ein „Techno“? Ein Igel? Oder viel schlimmer: geht ein Wildswein um das Zelt, weil wir mit unserem Zelt seine Speisekarte zerstört haben? Ich versuchte herauszurechnen, wie lange ein dünnes Zelt  den Angriff eines hundert Kilo schweres und verrücktes Tieres aushalten kann und griff langsam zu der Hacke, die neben meinem Kopf lag….Nach zehn Minuten wählte ich eine mutige Erforschung unserer Umgebung… Mit lautem „Scha, scha, scha, scha“ verschwand die Rauschquelle. Ein paar Schritte im nassen Gras und zurück in den Schlafsack… Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, aber auf einmal fingen die verschiedensten Vögel zu singen… Der Mond, der nur eine ganz kleine Sichel bildete, weckte in diesem Augenblick auch die „Plachtiner Schafe“ und die fangen an zu reden: „Beeeee, Beeee, Beeeee“ suchten sie sich gegenseitig auf der dunklen Wiese. Beruhigt schlief ich ein…. Mit „Bzzzz, Bzzzz, Bzzzzz“ und einem gut verpasstem Stich weckten mich um halb sieben die erste Mücke. Es dauerte nicht ganze zehn Sekunden und es folgte der zweite, dritte, der zehnte, zwanzigste Stich. In Panik verließen wir unser Heim aus dünnem Stoff und flüchteten zu der „Wawa“. Mit heißem Tee und Kuchen stärkten wir unsere nicht ausgeschlafenen Körper und dachten nach, was wir an diesem schönen Sonntag machen könnten. „Könnten wir nicht zu dem ´kaltenbrunner Bruch´ gehen? Fragte mich mein Sohn.

Landeskunde aus dem feinsten…

Ich dachte lange nach: in Pilsen erwarteten mich genug Aufgaben und müde und nicht ausgeschlafen bin ich auch noch. Die Kindheitserinnerungen gewannen aber in meiner Entscheidung: „Woißt woos, miar gemma af Umirsch u dånn zam ´kaltenbrunner Bruch“ teilte ich meinem Sohn mit. Der erfreute sich riesig. Ich suchte in meinem Gedächtnis dreißig Jahre versteckte Erinnerungen: „Ob ich alles finde?“ Wir marschierten los. An dem Brunnen vorbei, wo mein Onkel Erhard Wasser in zwei Kübeln nach Hause schleppte. An der Sandgrube vorbei, in der ich als Kind spielte. An dem Futterplatz vorbei, wo ich für die Waldtiere Futter im Winter mit Herrn Sinkule brachte. Wir landeten an dem Bach, der unter dem verschwundenen Dorf Umirsch fließt.  Auf dem mühevollen Weg nach oben begegneten wir drei Rehe. Endlich oben: „Dåu woar a kloins Durf, as dian Leit za da hl. Mess nach Netschetin gånga san“ erklärte ich meinen Sohn. Wir konnten aber nichts sehen, denn es waren fast keine Hausreste zu finden. Auf einmal stieg aus dem „Urwald“ eine neu renovierte Kapelle hervor: die lies die jetzige Gemeinde Krsy ( früher Girsch) renovieren. Ich erinnerte mich an den Wehrbunker, der Ende der dreißiger Jahren zum Schutz der ersten Republik gebaut wurde. „Woißt, åls Kind ho(b)ma kinna mit der Lafette spülln, döi nuch in den siebzichn Gouhan gout erhålten woar“. Den Bunker musste aber mein Sohn finden, ich war erfolglos. Nach einer kleinen Pause schätzten wir die Richtung, die uns zum „kaltenbrunner Bruch“ führen würde. Mit der Hilfe des großen Uhrzeigers und der Sonne fand ich den Norden und wählte die Richtung. Mitten im Wald, an einem versteckten Kreuz mit der Inschrift: „Errichtet zu Ehren Gottes von Wenzl u Anna Stingl, Umirschen 1906“ vorbei, stiegen wir aus der Anhöhe ab. Diesen Weg machte ich zum ersten mal in meinem Leben.  Nach etwa dreißig Minuten wurde unser Bemühen gekrönt: Wir erreichten den alten Steinbruch über die Ortschaft Mensdorf. Mein Sohn glaubte meine Erzählungen nicht, in denen ich über ein Naturwunder in unserer Gegend erzählte: „Stimmt es wirklich, dass es mitten in August eiskalt in dem Loch ist?“ fragte er mich mindestens zwanzigmal: „Du wirst schon sehen“! gab ich ihm immer die Antwort. Nun der Augenblick ist gekommen und wir standen da: der „Kaltenbrunner Bruch!“ Die Sonne erhitzte die Steine und „dien Schura“ in der Senke. Wir näherten uns beim Abstieg dem kleinen Loch in der Steinwand. Als wir ankamen, begann mein Sohn zu frieren: „Dåu ist wirkli kålt!“ Beruhigt, dass hier noch die Natur in Ordnung ist, machten wir uns auf den Weg zu unserem letztem Wegabschnitt: Richtung Netschetin. Pünktlich zwölf erreichten wir das Gasthaus „Am Rathaus“. Ein reichhaltiges Mittagessen und ein gut gekühltes Bier rettete unsere mühen Glieder.

Der Abschluss…

Die Krönung und den Abschluss von diesem Wochenende machte die hl. Messe in der Netschetiner st. Jakobus- Kirche. Weil wir am Fronleichnam keine Gottesdienst hatten, feierten wir das Fest der hl. Blutes und Brotes an diesem Sonntag. Nach dem Gottesdienst segnete der Pfarrer Liska uns alle und das Städtchen Netschetin. Beim Segen, bei dem ich mit dem Weihrauch dabei war, dachte ich an das erlebte: Herr, ich danke Dir für alle diesen Gaben, die ich an diesem Wochenende empfing!          

 

Milos Bok und W.A. Mozart

Tata u da Bou

Kapelle in Umirsch

Kaltenbrunner Bruch

Segen für Netschetin

 

 


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