Wir haben Muttergottes verlassen
Wir haben Muttergottes verlassen!
( „Maria Stocker“ Wallfahrt im Stift Tepl 3. Juli 2005)
Måla Richard
( Feuilleton )
Nun ist der Tag gekommen, der nie kommen sollte. Am 1. Mai 2005 fand in Maria Stock die letzte Wallfahrt statt. Die Kirche muss zugemauert werden, damit wenigstes die Vernichtungen aufhören. Die Wallfahrten wurden in den Stift Tepl bei Marienbad verlegt. Vor allem für die vertriebenen Deutschen und Christen, die bis aus Würzburg in Deutschland fünfundzwanzig! Jahre die Wallfahrt und auch Wiederstand gegen Kommunismus unterstützten, war das mit Sicherheit die Zerstörung ihrer Seelen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es diese Menschen nicht begreifen können, wie so etwas überhaupt möglich ist.
Ich lebe in diesem Land fünfundvierzig Jahre. Zwei Drittel davon im Kommunismus. Ich hatte jedoch Glück, weil der „Herr mit mir war“. Mein Lebensweg wurde durch die Fürsprache bei Gott von meinem Pfarrer Vojtech Pesek gekennzeichnet. Auch meine Ehe ist in den schwierigen Zeiten ein gutes Beispiel, wie ein gesegnetes Leben aussehen kann.
Vor allem in den sozialistischen Zeiten ging es bei sehr vielen Entscheidungen „um die Substanz“. Ich habe Gott sei Dank nicht mehr die fünfziger Jahre im 20. Jahrhundert erlebt, wo es gerade bei den Antikommunisten und Gläubigen ums nackte Überleben ging. Bei meinen wichtigen Entscheidungen damals musste ich mich manchmal wirklich auf das wichtige orientieren. Als ich zweimal das Angebot abgewiesen habe, Mitglied der KSC ( Kommunistische Partei der Tschechoslowakei) zu werden, dachte ich damals an das, was für mein Leben wichtig ist. Und damals, wie heute ist das der christliche Glaube, der uns, wenn wir nach dem Evangelium handeln, auch in den Himmel führen wird. Ja, es ist wirklich die Trennung und Unterscheidung zwischen dem Wichtigen und Unwichtigen. Heute setzt man im Geschäft „Prioritäten“, aber eigentlich ist das dasselbe, oder nicht?
Als der 2. Juli des Jahres 2005 „vor der Tür stand“, musste auch ich wieder meine Prioritäten setzen. Ich organisierte meinen Volkstanzseminar aber weil am Sonntag auch die „Maria Stocker Wallfahrt“ im Terminkalender stand, dachte ich sehr nachdenklich nach: was soll ich tun? Es sind ja genug Wallfahrer da. Der Heilige Geist ließ mich aber nicht lange überlegen: Dein Platz ist am Gnadenbild unserer Gottesmutter, die nur zweimal im Jahr ihre Pilger in Maria Stock sehen kann. Jetzt ist sie für mehrere Jahre aus der Stocker Kirche verbannt worden. In den letzten Jahrzehnten war es so, dass die Muttergottes zu uns gebracht wurde. Soll es aber nicht so sein, dass WIR! Die Muttergottes brauchen und dass WIR zu ihr kommen, wo auch immer sie ist?
Um neun Uhr, eine Stunde vor dem Beginn der hl. Messe war ich in der Stiftskirche. Es herrschte eine totale Stille. Ich war alleine. Keine Freundesgrüße, keine freundlichen Umarmungen, keiner „böhmischer Klang“ war zu hören. Ich kniete nieder und schaute mit meiner zerstörten Seele das Gnadenbild an: Mutter Gottes, ich flehe Dich an, vergib uns Sündern!
Die Heilige Messe fängt an. Ich sehe um mich herum: meine Augen suchen in allen dunklen Ecken der alten ehrwürdigen Kirche nach bekannten Gesichtern. Vergeblich. Es wird noch schlimmer: Keine deutsche Sprache klingt in dem Gewölbe. Der Nachhall in diesem Bau ist sehr lang. Um so mehr tut es weh, wenn man hier nicht seine Muttersprache hören kann. Ich schaue die Maria auf dem Bild an: „Wo sind die Deinen?“
Mein reines Gewissen rettete ich in der Lesung und in der Übersetzung des Evangeliums. Gerade die Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer ( Röm 12, 9.- 16 ) soll ich vorlesen. Sie spricht mir aus dem Herzen: „Brüder, Eure Liebe sei ohne Heuchelei. Verabscheut das Böse, haltet fest am Guten! Seid einander in brüderlicher Liebe zugetan, übertrefft euch in gegenseitiger Achtung! Lasst nicht nach in euerem Eifer, lasst euch vom Geist entflammen und dient dem Herrn! Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Bedrängnis, beharrlich im Gebet!“
Mitten in der Messe wird ein Kind getauft. Eine neue Generation der Tschechen wächst in Gottes Liebe heran. Ich bin fester Überzeugung, dass auch dieses kleine Gotteskind zu denen gehören wird, die uns wieder ermöglichen werden, in unsere Kirche im Tale zu Stock zurückzukehren.
Für die „Übergangszeit“ sind aber wir, die „Erwachsenen“ zuständig, die genug Erfahrungen und Kontakte haben.
Unsere liebe Gottesmutter aus Maria Stock: hilf und bitte das wichtige für uns zu sehen und gib uns Kraft, damit wir Deine Bitte nicht nur erkennen, sondern sich auch nach ihr richten!
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