Landschaft mit den Deutschen
Landschaft mit den Deutschen
( Übersetzung eines Artikels aus der tsch. Ausgabe "Die Woche" vom 29.4. 2002)
Autor: Tomás Cechtický
Übersetzung: Richard Sulko
Wen der Deutschböhme Richard Sulko ins Netschetiner Gasthaus kommt, ertönt: "Grüß Gott Richard!". Dem Sulko sticht die Ironie, die, wie er fühlt, in diesem Gruß vorhanden ist. Die Heimischen nehmen wieder als Provokation wahr, wenn dieser Herr auf dem Anna - Fest in weißen Strümpfen tanzt.
Sulko ist der Vorsitzende vom "Bund der Deutschen - Landschaft Egerland", dessen Ortsgruppe "Netschetin - Preitenstein" etwa fünfzig Mitglieder hat. Er ist der Sohn eines Slowaken und einer Deutschen, deren Großvater als Antifaschist nicht vertrieben wurde, aber trotzdem um sein Häuschen Nr. 14 am Plachtin kam. Wenn die Familie ihr Eigentum zurück wollte, mußte sie sich das Haus kaufen. Sulko bezeichnet das als ungeheuerlich und behauptet: wenn die tschechischen Naziopfer von den Deutschen entschädigt worden sind, sollten auch Tschechen für die Nachkriegsverfolgung des unschuldigen Teiles der dt. Minderheit zahlen.
Netschetin war vor dem Krieg insgesamt Deutsch, nur Postbeamte und Gendarm waren Tschechen. Bis heute überlebten hier etwa zehn Omas die um die achtzig und Witwen nach den nicht abgeschobenen Deutschen sind und noch der beredsame stellvertretende Bürgermeister Frantisek Bayer, auch ein Deutschböhme. "Als ich im fünfundvierzigsten in die erste Klasse am 10 September ging, konnte ich kein Wort Tschechisch" schüttet er aus sich heraus. "Wenn der Herr Lehrer Hnátek rief Ty kluku! Dachte ich, daß er sagt, ich bin klug." ( Klug ist in deutscher Sprache ja ganz was anders als Junge). Mit den Omas und mit dem Herrn Bayer gibt es keine Probleme. Probleme bereitet der agile Sulko und seine Egerländer, deren Aktivitäten laut Netschetiner ab und zu äußerst empfindungslos sind. Sulko wiederum, mit dem reichen Bayern hinter dem Rücken, fühlt um sich Neid, Kleinheit und Xenophobie - Gefühle. Erleuchteter Bürgermeister Jiri Kremenák versucht die Nachbarbeziehungen auszubalancieren, aber ab und zu ist es keine leichte Aufgabe.
Netschetin im Kreis Pilsen - Nord bekam das Stadtrecht schon im 16. Jahrhundert. Etwa dreihundert Bewohner leben in Häusern und Wochenendhäusern entlang der Straße nach Manetin. Eine der Dominanten ist die Kirche des hl. Jakobus. Sie ist renoviert, nachts beleuchtet und scheint in der Dämmerung über die Dächer hinweg. Auf einer Anhöhe hinter der Ortschaft ragt ein anderes Ziel der Touristen: die Gruft des Geschlechts Mensdorff - Pouilly. Sehr oft wird das im Renaissance - Stil gebautes Rathaus mit einem altertümlichen Wirtshaus auf dem Marktplatz besucht, sowie die Kappelle der hl. Anna, nicht weit weg von Netschetin entfernt. Sie ist durch den Prager Mime und hiesigen Wochenendhaus - Besitzer Ctibor Turba berühmt, zu dem Besucher aus ganz Böhmen kommen.
Bürgermeister Kremenák hat einen großen Anteil auf dem Erwachen des sudetendeutschem Städtchens Netschetin von der kommunistischen Bewegungslosigkeit; Sulko sekundiert ihm auf seiner Art. ( Netschetin gewann mehrmals im regionalen Wettbewerb den Titel "Dorf des Jahres".) Beide Männer kommunizieren miteinander, jeder hat zu dem anderen Anerkennung, aber ab und zu bricht zwischen ihnen und den Gruppen, die sie vertreten eine Spannung aus, wie letztlich auf dem Anna - Fest.
Sulko bemüht sich um die Wiederbelebung des Kulturgutes seiner Vorfahren, der Egerländer. Er sammelt mit Begeisterung die Reste der Mundart, Volkslieder und der Volkstänze. Er restaurierte auch die Tracht, zu der leider auch weiße Strümpfe gehören. Wenn er mit seiner Volkstanzgruppe "Die Malas" auf dem Anna - Fest tanzte, wollte ihn, den eifrigen Folklorist ein Tscheche und ehemaliger Soldat insultieren. Es hat sich an eine Kampfeinheit der Henlein - Anhänger erinnert, die ihn bis aufs Blut zusammen trampelten. Sulko, der zweiundvierzig Jahre als ist, nimmt diese Feinheiten nicht wahr. "Fremde klatschten uns, heimischen wandten sich ab", beschwerte sich. "Wenn ich mit den Bürgermeister den nächsten Auftritt ausmachen wollte, wich er aus." Kremenák stellte sich, als ob er in einen sauren Apfel biß. "Die Gemeinde hat dem Sulko den Auftritt nicht verboten, wenigstens nicht offiziell." Dann schnaufte er. "Der Konflikt war peinlich, aber wie aus ihn heraus?"
Frau Hana Kazdová ist sechsundsiebzig Jahre alt und wohnt nicht weit weg vom Studio Kapelle. Sie lebt alleine mit einem gefährlich aussehenden Schäferhund, der nur eine Sehnsucht hat: sich von der Kette loszureißen und den Besucher auffressen. Als sie ledig war, hieß sie Scherm und war Tochter von deutschen Eltern. Vater, ein Kaminfeger viel drei Jahre vor dem Kriegsende aus einem hohen Kamin einer Chemiefabrik im Nordböhmen und starb.
Beim "saubermachen" Netschetins von den Deutschen im Jahre fünfundvierzig hat die Mutter überraschend versucht mit der neunzehnjährigen Hanni in den Transport zu kommen, aber es ist ihnen nicht gelungen. "Den Abschub organisierte hier der Herr Taut", erzählt Frau Kazdová. "Einige wollten weg und haben ihm bestochen, damit er einrichtet, daß sie paar Möbelstücke mitnehmen können. Taut versprach alles, aber es fand kein Transport mehr statt und die Gelder hat auch keiner mehr gesehen" erörtert ihre bitteren Erinnerungen die alte Frau. Das Geburtshaus haben die neuen Bewohner herunter gerissen und bauten aus den Ziegelsteinen einen Schweinestall. Durch das entvölkerte Netschetin trieben komische Leute herum. Es waren Goldgräber und zwar wörtlich. "Einer ist alle Häuser durchgegangen und hat Ofen kaputt gemacht. Er hat Schätze gesucht" lächelt sie bitter.
Evangelium in Deutsch
Auf der st. Jakobus - Kirche hängt eine Ehrentafel. Sie preist die, die sich finanziell auf der Renovierung der Kirche beteiligten: Deutsch - tschechischer Zukunftsfonds, Tschechischer Staat, Gebürtige aus Netschetin und Umgebung aus Deutschland und andere Spender aus der CR, Deutschland und Österreich. Bund der Deutschen ist an der Tafel nicht angeführt. Herr Sulko ist irritiert. Er war der Projekt - Koordinator und hat sehr viel mit dem Projekt zu tun gehabt, wonach der Bürgermeister entschied, daß die Verdienste des Bundes auf der Tafel nicht verewigt werden. Kremenak bestätigt, daß es deswegen zu einem heftigen Streit kam. Die Tafel fasse jedoch nur die Donatoren, die Finanzspender und der Bund der Deutschen - Landschaft Egerland hat als Institution keine Gelder gegeben. Laut Bürgermeister ist keiner diskriminiert worden. Pfarrer Liska bewahrt eine Urkunde in der steht, daß "es hier zu einer Verbindung der Kräfte und des Geistes im Interesse eines schönes Zieles kam". Unten kann man auch den Namen des Koordinators Sulko finden.
Dieser Mann ist in der Netschetiner Kirche überall zu sehen. Seine drei Kinder erzieht er streng Deutsch - tschechisch und im katholischen Glauben. Er hilft dem Pfarrer in der Kirche und kümmert sich um den anliegenden Friedhof. Nach der Baubeendigung trug er ein Grußwort vor. Er setzte durch, daß Pfarrer Liska das Evangelium nicht nur tschechisch, sondern auch in Deutsch vorträgt. Die Einheimischen hat er damit erhitzt bis geht nicht mehr; vor allem die, die nie in die Kirche kommen. Beim Bürgermeister protestierte nur die Frau Feherová, eine achtzigjährige Ungarin. Wie es in unserem Lande üblich ist, die Tschechen kauderten über einem Glas Bier.
Dreiundsechzig Jahre alte Stellv. Bürgermeister Bayer ist sprichwörtlich der Apfel, der nicht weit weg vom Baum fällt. In Netschetin war in den Jahren 1895 bis 1920 schon sein Urgroßvater Franz Zucker, Großvater seiner Mutter, Bürgermeister. Sein Vater stammte aus Manetin; es hieß Theodor Bayer und wurde Bláha genannt. Nazis sollte er gehaßt haben so wie die Pest. Am 5. Mai ist es im Kreis zu kleinem örtlichen Aufstand gekommen. Einige Menschen haben versucht einen deutschen Lastwagen zu entwaffnen und ein geflohener Soldat alarmierte den Reicharbeitsdienst, der auf dem Netschetiner Fußballplatz plaziert war. Es drohte ein Blutvergießen. Die Angehörigen des Reicharbeitsdienstes marschierten zwar nur mit den Spaten auf den Schultern aber mit Waffen konnte sie auch umgehen. "Im Schlüsselaugenblick", erinnert Bayer, "hat den Soldat mein Vater besucht und so lange in ihn eingeredet, bis er auf die Rache verzichtete". Die Familie Bayer konnte bleiben. Wie der Vizebürgermeister kernig erzählt, hat er einige "Deutsche Säue" in der ersten Klasse hinnehmen müssen, aber als er einigen Frechen "über den Maul" gab und anfing tschechisch zu sprechen, war ruhe. Um Familieneigentum, eine Mühle, kamen die Bayers. Frantiseks Vater wollte das Haus schon im Jahre 1947 auszahlen, aber hatte nicht genug Geld. Und so kaufte das Haus erst in Jahren und zwar auf Raten.
Der letzte Bau an der Straße nach Manetin ist ein Haus mit Fensterladen und hölzernen Wänden. Es steht in einer Hänge, mitten im Obstgarten. Auf der anderen Straßenseite kräuselt das Wasser in der Gemeindekläranlage. Die Hausinhaberin Frau Anna Stocková hat heuer ihren zweiundachtzigsten Geburtstag gefeiert. Einst hieß sie Kuffner und war das einzige Kind von zwei reichen Netschetiner Familien: der Künzel und Kuffner. Mit sechzehn Jahren verliebte sie sich in den örtlichen Gendarm, einem der wenigen Tschechen. Als sie ihn zwei Jahre später heiratete, lamentierte die Verwandtschaft: "Du unglückliches Mädchen, warum könntest du nicht unter achtzig Millionen Deutschen einen Mann aussuchen!". Vater Friedrich und Mutter Julie kauften dem jungen Paar gerade diese hölzerne Villa. Es war ein vorgefertigter Bau, den die Firma des Grafen Kolowrat in der Fabrik unterhalb von Pfraumberg produzierte. Der Kauf war eine glückliche Entscheidung. Obwohl die Eltern der Braut eine Bestätigung über Anti- Hitler Einstellungen hatten, mußten sie ihr Haus und Felder abgeben und lebten dann ihre Tage bei der Tochter aus.
Frau Stockova, deren Mann vor kurzem starb, hat einen glücklichen Charakter. Die Vergangenheit bedrückt sie nicht. "Zwar haben sie uns alle in einen Topf geworfen, aber ich habe es schon vergessen. Sehen sie," zeigt sie aus den Fenstern der Villa, "Die Kläranlage bauten sie auf meiner Wiese. Ich habe sie der Gemeinde geschenkt."
Die Dämonen des alten Unrechtes
Sulko schildert, was für eine Überraschung ein Mitglied seiner Volkstanzgruppe Herr Siroký in seiner Arbeit erlebte. "Er arbeitet in der Keramik- Firma in Oberbrziz. Jemand hat ihm nach einem Auftritt auf seinen Kleiderschrank die Aufschrift Sudeták mit der Glatze geschrieben."
Der Deutschböhme lobt die Zusammenarbeit mit dem Rat für die Minderheiten bei der tsch. Regierung und mit dem Kulturministerium der CR. "Vom Minister Dostál bekamen wir Mittel für Volkstanzseminar und für ein Buch." Sulko beklagt aber, daß er vom Bürgermeister Kremenák nicht zum Gespräch mit dem Kulturminister eingeladen worden ist. Kremenak zückt mit der Schulter: "Her Minister war hier, das stimmt, aber ich verstehe nicht, was Herr Sulko damit gemeinsames hat. Über seinen Wunsch sich mit dem Minister zu treffen wußte ich übrigens nicht."
Vertreter der dt. Minderheit erinnert verbittert über Aufritt der Gießener Blaskapelle, die er einlud, damit sie den Netscheiner am Samstag abend spielt. Er hing Plakate mit der Einladung zur dt.- tsch. Tanzunterhaltung aus. Die Musiker kamen früher und luden mit ihren Instrumenten zum Tanz im Wirtshaus ein. "Wissen sie, wieviele Tschechen kamen?" fragt Sulko. "Zwei Familien. Und auf der Toilette hörte ich, wie jemand sagte: Das haben wir erreicht. Es spielen uns Deutschen."
Es sieht so aus, wenn immer Tschechen und Deutsche in Netschetin - und nicht nur dort - etwas unternehmen wollen, schwärmen sofort die Dämonen des alten Unrechts aus und streuen in das Getriebe Sandkörner ein.
Politiker hören gerne auf dieses Gekreisch, vor allem vor den Wahlen. Die Sudetendeutsche Landsmannschaft möchte gerne ihr verlassenes Eigentum im Grenzgebiet wieder zurück haben, auch wenn es der Vertreter Bernd Posselt in dem Programm "Auf die Schneide" nicht zugeben schaffte. "Wie geben euch nicht den Deutschen!" richtete wieder an das Volk Václav Klaus bei einem Wahlmeeting in Reichenberg.
Was sagen die dazu die Protagonisten dieser Reportage? Sulko gibt zu, daß der Bund der Deutschen die Entschädigung der dt. Minderheit formulierte, die in der CR blieb. Frau Stockova schwenkt mit der Hand: "Ich habe zwar nur viertausend neunhundert Kronen Rente, aber Entschädigung will ich nicht. Was weg ist, ist weg." Der Chef des Lehrstuhles der deutschen und Österreichischen Studien der Sozialwissenschaften der Karlsuniversität Miroslav Kunstát erwähnt die Atmosphäre des antideutschen Hasses im Nachkriegs- Tschechoslowakei. In dem Recht herrschte statt die Vermutung des Unrechts das Prinzip der sgn. "entkräfteten Vermutung". Die Last des Nachweises über die anti - Nazi Einstellung mußte die Deutschem alleine tragen. Nur die Erfolgreichen konnte bleiben. Auch ihnen wurde meistens das Eigentum weggenommen. Sie richteten um ihn, und oft wurde die Konfiskation rückgängig gemacht. Der Kommunistische Putsch hat aber das "rückgängige wieder rückgängig" gemacht. Einige kauften sie sich wieder ihre Häuser; in die ausgeraubten Ortschaften wollte aber keiner mehr hingehen.
Auf eine direkte Frage gibt Kunstát folgende Antwort: Die Überlegungen über die Entschädigung der Unschuldigen klingt nicht ganz unsinnig. Es ginge scheinbar um pauschale Summen, die in Höhe von einigen Millionen DM wären. Die Deckung könnte entweder der Staat Aufgrunde eines Sondergesetztes sichern, oder der Deutsch - tschechische Zukunftsfonds. Das zweite Beispiel sieht kuriös aus: Die Deutschen würden das Schmerzensgeld von der Hälfte sich selber zahlen.

