Das Gerüst ( Feuilleton)

Drucken
Geschrieben von Richard Sulko

Das Gerüst ( Feuilleton)
Mala Richard


Man kann ihm auf der ganzen Welt begegnen: das Gerüst. Manchmal ganz einfach aus den Holzbalken zusammengestellt, manchmal aus Metallröhren oder ganz modern in einer Aluminium - Ausführung. Egal ob einfach oder technisch sehr anspruchsvoll: die meisten Rüstungen dienen als Hilfseinrichtungen; Einrichtungen, die bei der Arbeit eine Hilfeaufgabe übernehmen. Die meisten diese "Werke" leben deswegen ein kurzes Leben: ist der Bau fertig, wird das ganze Gerüst in Einzelteile zerlegt und es geht zum nächsten Einsatz. Es ist für die einzelnen Teile nur ein Glück, daß sie keine Seele haben. Wie es bei den Menschen ist, könnten sich nämlich zwei solche Röhre ineinander verlieben, wenn sie z.B. bei einem Bau fest miteinander monatelang zusammengeschraubt sind. Dann kommt aber der Tag, wo abgebaut wird und das eine oder andere Rohr kann sich an dem nächsten Baugerüst ganz wo anders befinden. Es ist ein trauriges Spiel, daß sich immer und immer wiederholt. Zum Schluß landet man im alten Eisen, wenn man nicht mehr "betriebstauglich" ist. Ist es nicht manchmal auch bei uns Menschen so?
Gehen wir doch einmal durch unser einst schönes Egerland: Hier sieht man auch viele Gerüste stehen. Sind aber diese "Hilfsbauten" doch nicht ein wenig anders? Leben sie doch nicht ein ganz anderes Leben? Wie viele Häuser, Höfe und Kirchen würden schon längst zusammenstürzen, wenn sie sich nicht fest an ein Gerüst stützen könnten? Ja, hier übernehmen die rostigen Röhre ein Rolle, die eigentlich Menschen zu spielen haben: die Pflege um das Erbe der Vorfahren. Bei diesen Hilfsbauten glaubt man, sie hätten doch eine Seele. Liebevoll mit Gras und Bäumen bewachsen dienen sie manchmal als Zuhause für die verschiedensten Vögel - und Tierarten. Sie sind schon zum Festteil des ursprünglichen Baues geworden und werden einmal gemeinsam auch sterben.
Ja, Gerüst gehört für die vertriebenen Egerländer zum Alltagsbild, wenn sie ihre Heimat besuchen. Sehr viele diese Menschen, die das Erbe der Vorfahren trotz der großen Entfernungen zu ihrer neuen Heimat pflegen, geben aber den alten Röhren wieder den ursprünglichen Sinn: sie können wieder voll im Einsatz sein: bei den Renovierungsarbeiten an den Kirchen und den Wallfahrtsorten, beim herrichten der Kriegsdenkmälern, Häuser und Kapellen. Wenn man nach jahrelangem Kampf um die Finanzmittel von der neu renovierten Heimatkirche das Gerüst abnimmt und das Gotteshaus strahlt in der Abendsonne weit ins Land, in diesem Augenblick kann kein Auge trocken bleiben. Und die freudigen Tränen tropfen auch auf die alten, rostigen Metallröhre. In dem Augenblick ist auch dem kleinsten Teil der Rüstung klar: mein kurzes Leben hat doch einen Sinn!


Copyright 2011 Das Gerüst ( Feuilleton) . © 2011 Alle Rechte vorbehalten
Joomla templates 1.7 free by Hostgator