"Dunaszerdahely" (Ein zweisprachiger Traum)

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Geschrieben von Richard Sulko

Dunaszerdahely
( Ein zweisprachiger Traum)
Mala Richard

Wieder einmal verwehte mich das Schicksal in eine für mich ganz unbekannte Gegend. Obzwar ich väterlicherseits slowakische Vorfahren habe, komme ich selten in das Land, was mit der “Tschechischen Republik” bis vor kurzem einen Staat bildete. Schon vor etwa vor drei Monaten, als ich bei einer Messe in Bratislava/ Preßburg/ weilte, überraschte mich die Bezeichnung der Ortschaften, die wir durchfuhren. Unter dem offiziellen slowakischen Ortsnamen war die ungarische Bezeichnung mit weißer Schrift im blauen Feld angeführt. Auch etliche Bezeichnungen in den Dörfern waren zweisprachig. Trotz dem, daß ich manches über die Minderheitenprobleme weiß, war es für mich ich doch ein ungewöhnliches Bild. Um so stärker war das Erlebnis aber diesmal. Ich besuchte eine Firma in “Dunajská Streda”, etwa 50 Kilometer südöstlich von Bratislava. Nach etwa acht Stunden Fahrt von Pilsen kam ich endlich an. An der Ortstafel “Dunajská Streda´- ´Dunaszerdahely” vorbeigefahren, suchte ich das Hotel, in dem ich die Nacht verbringen sollte. “Hoffentlich ist es Erdbeben- sicher gebaut” dachte ich nach, als ich im Wiener Rundfunk über das Erbeben an demselben Tag in der Nähe von Wien erfuhr. Meine Sorgen ergaben sich jedoch als unbegründet. Ein moderner Bau, mit Seminarräumlichkeiten und einem Schwimmbecken, der umsonst den Hotelgästen zur Verfügung stand, stand vor mir. Nach meiner Einquartierung machte ich meine ersten Spaziergang durch die Gegend. Als ich den Parkplatz passierte, wo mein Dienstwagen stand, hörte ich auf einmal die ungarische Sprache. Auch die meisten Gäste, die zum Abendessen kamen, sprachen mit dieser, für mich total unverständlichen Fremdsprache. Ich erinnerte mich an die “Sissi - Filme”, wo die Kaiserin Elisabeth nach Ungarn fuhr. Die hatte es jedoch ein wenig leichter. Die sprach nämlich alle Sprachen, die im Kaiserreich so üblich waren. Ich bin zwar ein Egerländer, aber mit Ungarischem, da mache ich mich doch ein wenig schwer. Gott sei Dank war die Speisekarte dreisprachig, denn ansonsten müßte ich hungrig bleiben.
“Vaslapon sütött tarja fokhagymás pirított burgonyával” bestellte ich zum Abendessen. Wer nicht der ungarischen Sprache mächtig ist, folgt die deutsche Übersetzung: “Gegrillte Schweineflecken, gebackene Kartoffeln mit Knoblauch”. Es schmeckte wunderbar. Das slowakische Bier schmeckte zwar nicht wie das Pilsner, aber nach dem der Kellner für mich einen “Budweiser” aus dem Kühlschrank holte, eine Kerze anzündete und dazu noch ein “Live- Musiker” den Abend verschönerter, war die Welt für mich wieder in Ordnung.
Inzwischen ist es spät geworden und in der Gaststädte wird es immer gemütlicher. Die brennende Kerze auf meinem Tisch wird immer kürzer, der müde Körper gibt langsam seinen Geist auf, und ich fang an, einen ganz besonderen Traum zu träumen:
Es ist das Jahr 2020. Ich fahre am Freitag Nachmittag von meiner Arbeitsstelle, die sich in der Nähe von Pilsen befindet, Richtung Plachtin, wo mich schon in meinem egerländer Fachwerkhaus meine Frau mit sechs Enkelkindern erwarten. Es ist das erste Wochenende im September, und es erwartet uns der “Tag des Egerlandes”. Aus Baden - Württenberg, Bayern und Hessen erwarten wir die Nachkommen der vertriebenen Egerländer. Es sind nämlich die “EJ -ler”, die trotz ihres “Alters” nach Netschetin kommen. Es sind auch etliche dabei, die vor etwa zehn Jahren wieder ins Land ihrer Vorfahren zogen. Als Geschäftsleute oder Ehemänner der Tschechinen pflegen sie die Sitten und Bräuche ihrer Vorfahren. Obzwar sind die Bräuche doch ein wenig “beschränkt”, aber einen “Egerländer Geist” kann man doch überall “spüren”. Einen polizeilichen Schutz braucht man an diesem Tag nicht. Gegenüber dem Ende des zwanzigsten Jahrhunderts wissen inzwischen auch die kleinsten Kinder, daß Sudetendeutsche und die “Egerländer” keine “Verbrecher” waren und sind. Auch das “Österreichisch - Ungarische Reich” gilt als kein “Gespenst” für die tschechische Mehrheitsbevölkerung mehr. Und so konnten wir das Fest aller Egerländer wie im Jahre 1933 anfangen: Am Freitag um 19 Uhr fangen meine Enkelkinder auf der Burgruine Preitenstein ein Lied zu singen, daß schon meine Vorfahren ganz gut kannten: “Af de Barch, da is halt lustich”. Ein Lagerfeuer wirft wunderschöne Schatten auf die inzwischen groß gewordenen Bäume. Die letzten Sonnenstrahlen erwärmen die letzten Reste der Burgruine und ich denke an meine “Gungazeit” zurück, als ich an dieser Stelle die Rockgruppe “Nazareth” mit ihrem Lied “Love Hurst” hörte. Heute singen hier meine Enkelkinder ganz andere Lieder. Wie erfreulich, daß diese Lieder noch erklingen können und daß der christliche Glaube mit der traditionellen Lebensart den Kindern und ihren Kindern geblieben ist! Eine kleine Gruppe der versammelten Egerländer mit einigen Tschechen genießt diesen schönen Abend. Kein Haß ist zu spüren. Nur freundliche Gefühle, wie schon vor zwanzig Jahren beim “Bundesjugendttreffen” z.B. in Ingolstadt mit der Tanzgruppe “Stázka” aus der Stadt Tepl sind zu sehen. Um die Mitternacht heißt es dann “Goute Nacht” und wir alle verschwinden in den Betten. Der Weckruf am kommenden Samstag ist um sieben. Wie vor zwanzig Jahren grabe ich mich aus meinem Bett. Damals aus einem Schlafsack in der Schule, heute aus einem modernen Bett; die “Aufsteherei” ist aber dieselbe: den Kopf voller Rausch bewege ich mich Richtung Bad. Schnell rasieren und auf geht´s Richtung Markplatz in Netschetin. Das offene Tanzen und Singen ist angesagt. Nach dem Mittagessen, daß uns das treue Ehepaar Jurčák machte, ging es Richtung Preitenstein, wo seit 2004 der Lehrpfad über die Netchetiner Gegend für alle “Sommerfrischler” zur Verfügung steht. Am Abend ist “Musí” angesagt. Die Blaskapelle “Horalka” spielt egerländer und tschechische Lieder. Eine Tanzgruppe von den jüngeren Egerländern tanzt ein paar egerländer Volkslieder.
Der Sonntag. Aus dem Stift Tepl, daß inzwischen wieder ein Zentrum der Bildung und des Christentums von ganz Westböhmen wurde, kommt der Abt des Klosters. In der Netschetiner Kirche, die als Dominante über die Gegend emporragt und die inzwischen auch von innen vor 10 Jahren renoviert wurde, wird eine deutsch - tschechische hl. Messe gefeiert. Nach dem Abschluß, wo immer eine Strophe Deutsch und Tschechisch vom “Großer Gott, wir loben Dich” gesungen wird, geht es zum feierlichen Umzug. Es ist ein wirklich schöner Tag. Die Sonne scheint mit voller Kraft auf die gelb gefärbten Kastanienbäume auf dem Marktplatz und auf die vielen egerländer Trachten. Dann geht es los. Über eine Stunde dauert der Umzug. Die feierlichen Ansprachen werden vor dem Wirtshaus “Der Egerländer” gehalten - es war früher das Gasthaus “am Rathaus”. Als Festredner tretet der Bundesvüarstäiha des “Bundes der Eghalanda Gmoin” auf, gemeinsam mit dem deutschen Abgeordneten des tschechischen Parlaments. Zum Schluß wird noch die Hymne “Wo ist meine Heimat” gesungen, und dann geht es auf den Sportplatz, wo schon ein richtiges Bierfest vorbereitet wurde. Es ist ein schöner Nachmittag. Das Wetter spielt mit und wir alle erwärmen uns noch an den letzten Herbstsonnenstrahlen. Auch ich werde langsam müde. Ich lehne mich ein wenig zurück, mache Augen zu und denke nach. Wie turbulent waren die letzten zwanzig Jahren! Ich dachte nach und nach, bis ich endgültig einschlief.
Auf einmal weckt mich eine nette Stimme: “Pán si páčil platit?” ( Der Herr möchte zahlen?) Ich mache meine Augen auf: Ich bin wieder im Hotel in der südlichen Slowakei. Als letzter Gast verlasse ich die gute Stube und denke dabei nach: “Ob jemals mein Traum die Wirklichkeit wird?”.

 

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