Vor - und Hauptwallfahrt nach Maria Stock
Wenn das Knie streikt…
(24 Fußkilometer „Vorwallfahrt“ nach Maria Stock 26. und 27. Juni 2010)
Die „Hauptwallfahrt“ nach Maria Stock am 4. Juli 2010 stand im Zeichen des wiederbelebten Besuches aus Würzburg. Die dortige „Ackermann- Gemeinde“ will nach Jahren Pause wieder mit größerer Anzahl der Pilger kommen und an dem „Wallfahrtsweg“ teilnehmen. Wie mein Versuch das letzte Jahr zeigte, ist es manchmal schwierig mitten um „Urwald“ den Pilgerpfad zu finden. Ich konnte also nicht verantworten, dass unsere Würzburger Freunde sich verlaufen wie ich und entweder in den dunklen Wäldern verhungern, oder von wilden Tieren aufgefressen werden. Deswegen beschloss ich gemeinsam mit Adolf Ullmann und seiner Frau Krista einer Woche vor der Wallfahrt den Pfad auszuprobieren. Am Donnerstag erfuhr ich, dass ich wegen der Krankheit selber laufen muss. Wenn man fünfzig wird, füllt man sich immer jünger und aus Erfahrung vom letzten Jahr heraus wusste ich, dass ein „schöner Spaziergang“ wird. Demut hatte ich nicht und freute mich auf besinnliche Stunden, aber dieser „Spaziergang“ wurde zu einer großen Belehrung. Pünktlich um acht Uhr stand ich vor dem Maria Stocker Gnadenbild in der Konventkapelle im Stift Tepl. Und betete für den Segen. In der Küche bekam ich von meinem Freund Frantisek ein großes „Tüpfl“ Kaffee und es konnte losgehen: Mein Weg führte am alten Klosterfriedhof vorbei, über das Dorf Schafhäuser mitten in den Wald. Als ich nach Gutwasser kam, wurde ich von der Leiterin der dortigen Gemeinschaft „Tschechische Westen“ begrüßt, die versucht die schwächeren sozialen Gruppen in ein normales Leben einzubinden. DieseChristliche Vereinigung, die schon eine Würdigung von der „Olga Havel Stiftung“ bekam hat schon vieles auf die Beine gestellt und das der Pilgerweg vorbei führt ist also eine Selbstständigkeit. Mein nächster Weg ging am „Trapisten- Kloster“ in Neuhof vorbei und dann tauchte ich in die Wildnis, im Tal des Besikauer Baches. Einige verfallene Häuser erinnerten an die deutsche Besiedlung des östlichen Egerlandes, ein merkwürdiges Gefühlt kam bei mir auf, als ich bei den Hausruinen mitten im überwucherten Wald stand und den vielen Vögeln zuhorchte. Die nächste Station war die Ruine der Wallfahrtskirche St. Blasius. Sie ist schön pietätvoll hergerichtet und liegt an einem50 HektarTeich. Die neuen extra für diesen „Spaziergang“ gekauften Schuhe meldeten sich zum ersten Mal. Als ich nach Tschebon kam, merkte ich, dass etwas mit meinen Beinen nicht in Ordnung ist. Bis jetzt war der Pilgerweg sehr gut gekennzeichnet und jeder würde den richtigen Weg finden, aber die letzten 11 Kilometer? Bei der Steigerung am Fuße des „Tscheboner Berges“ wurden meine Schritte immer langsamer und als ich dem Berg hinab marschierte, fingen die Schmerzen in meinem linken Knie so richtig an. Ich setzte ich auf einem gefallenem Baum aber nach zehn Sekunden sprang ich wieder auf: die berühmten „Tscheboner Waldameisen“ jagten mich aus ihrem Revier. Nach einem einzigen kleinen unübersichtlichen Wegabschnitt tauchten plötzlich die Dächer von Gossmaul auf. Der letzte Kilometer war ein Märtyrium. An der Kapelle zog ich meine alten, „ausgelatschten“ Schuhe schon zum dritten Mal an. Ich wollte mich schon von dort abholen lassen, aber wie kann ich die reale Zeit für die Zeitplanung feststellen? Nun ging es schlappend die letzten drei Kilometer nach Theusing, wo ich dann abgeholt wurde. Vierundzwanzig Kilometer, teilweise durch Wildnis alleine gelaufen. Ich höre jetzt noch die vielen Frösche schreien, ich sehe vor meinen Augen die vielen Wiesenblumen blühen und die vielen Vögeln in den Wäldern, die mich auf meiner Pilgerweg begleiteten. Die Knie mit „Pferdesalbe“ eingeschmiert schlief ich wie ein Kind ein und freute auf den letzten Abschnitt von Zobolles nach Maria Stock. Voll Schmerzen, begleiten von der „Technoparty“ irgendwo bei Udritsch taucht ich in den Wald hinein. Nach einem Kilometer war nicht nur die Markierung verschwunden, sondern auch die letzten Kräfte meiner Knien. Mit fünfzig Jahren wird man jünger… , aber ich musste zum ersten Mal in meinem Leben etwas wichtiges aufgeben. Nun fuhr ich mit dem Auto nach Maria Stock um die Kopie des Gnadenbildes begrüßen und für die Gesunde Beine in einer Woche zu beten. Es sind zwei Tage vergangen und ich sitze mit eingeschmierten Knien in der Slowakei: man staune: ich spüre keine Schmerzen! Ob auch die Gnadenbildkopie funktioniert? Es sieht wirklich so aus!
„Die schönste Wallfahrt in dreißig Jahren“
(Wallfahrt nach Maria Stock am 4. Juli 2010)
von Richard Sulko
Freitag, der 2. Juli 2010, Marienbad, 20:30 Uhr:
Beim Hotel „Rübezahl“ trifft ihr Bus mit 37 Personen ein: nach 3 Jahren Pause kommt die Ackermann- Gemeinde aus Würzburg zur neu belebten Wallfahrt nach Maria Stock! Nach einer Präsentation beim InfoTag der Würzburger Ackermann-Gemeinde durch Jiri Schierl, den Vorsitzenden des Vereines „Pod Strechou (Unter dem Dach)“, über den neuen Pilgerweg von Tepl nach Maria Stock , beschloss diese Gemeinschaft an der Wallfahrt teilzunehmen und den Weg auszuprobieren.
Noch am Abend führen die Würzburger Teilnehmer mit mir ein Gespräch über die Lage der Deutschen und die seelsorgliche Situation der Kirche in Westböhmen.
Samstag, der 3. Juli 2010, Stift Tepl, 9:00 Uhr
Der Bus mit den Pilgern parkt an dem Klosterparkplatz. Wir bewegen uns in die für eine Hochzeit geschmückte Klosterkirche: hunderte von Lilien hüllen uns mit ihrem Duft ein. Am Grab des Seligen Hroznata, des Patrons der Diözese Pilsen, beten und singen die Wallfahrer nun die Laudes.
9:45 Uhr:
Kilometer 0: Acht Pilger machen sich auf den Weg. Ein zügiges Tempo führt uns an dem alten Klosterfriedhof vorbei, den die Mitglieder aus dem „Bund der Deutschen- Landschaft Egerland“ und die „Egerland – Jugend“ schon seit siebzehn Jahren immer zu Christi - Himmelfahrt säubern. Hinter dem Dorf Schaffhäuser geht’s in den Wald hinein. Hohe Fichten, himmlische Ruhe, die nur vom Gezwitscher der vielen Vögel "gestört" wird, stimmen die Wallfahrer demütig. Wir verlassen den Wald und kommen zu einer Stelle, wo früher das Dorf Zeberhisch stand. In diesem Dorf mit 25 Häusern wurde am 1757 der Astronom Alois Martin David geboren. Kaiser Franz I. machte ihn 1815 zum Rektor der Prager Karlsuniversität. David starb 1836 in Tepl und ist auf dem dortigen Friedhof begraben. Der Verein „Unter dem Dach“ hat gemeinsam mit dem Karlsbader Bezirk dem Astrologen David ein kleines Denkmal gesetzt, das mitten im ehemaligen Dorfareal zu finden ist.
12.01 Uhr:
Die Pilger betreten das Trappisten- Kloster in Nový Dvur (Neuhof) um das Mittagsgebet (Sexta) zu erleben. Damit wir rechtzeitig ankamen, mussten wir den letzten Kilometer in scharfem Eilmarsch zurücklegen. Und bis man dann auch noch den Eingang in die Kirche findet....
Das Erleben der neuen Kirche in ihrer schlichten Formensprache, aber grandiosen Lichtführung, die 27 durchweg jungen Mönche in ihrem weißen Habit vor dem dunklen Chorgestühl und ihr Ruhe und Gelassenheit verströmender , sauber intonierter und homogener Psalmengesang machten diese 20 Minuten zum Höhepunkt des Wallfahrtstages. Gerne wären wir länger geblieben. Die Regeln des Klosters lassen dies aber nicht zu.
12: 30 Uhr, Kilometer 10,3:
Erste Verschnaufpause, mitten im Wald. Unterhalb des Trappistenklosters an einer Waldlichtung stärken wir uns. Ich wechsle meine Schuhe. Mein linkes Knie bekommt eine neue Bandage. Wir gehen weiter, steigen und stolpern mitten durch die Ruinen eines Dorfes, das die wuchernde Natur langsam unter sich begräbt, stapfen ein schönes, schattiges Tal entlang bis wir den Besikauer Bach überqueren. Dann geht es steil nach oben und auf der kurvenreichen Straße nach Branischau. Dort können wir ein Denkmal bewundern, das erhalten und erneuert wurde ( was in der CR immer aufs Neue verwundert ) und deutlich an die Geschichte des 20.Jahrhunderts erinnert: „Zur Erinnerung an unseren Sohn Franz Wanka, gefallen 6.7. 1916 am Monte Zebio, i. 24. Lebensjahre“, lautet die Inschrift in deutscher Sprache.
15:00 Uhr, Kilometer 14,5:
Ruine der Wallfahrtskirche St. Blasius: Ein herrlicher Platz für unsere nächste Andacht. Wir bewundern die gerettete Kirche, ihren vom Schutt befreiten Innenraum und den nun schön begrünten Kirchenhügel : das Mauerwerk ist sauber und gegen Witterung gesichert. Die Eingänge sind mit schlichten, schmiedeeisernen Gittertoren versehen.
Nun beginnt der letzte Wegabschnitt: Wieder bergauf übers Dorf Neschikau, das am Fuße des Tscheboner Berges (824 ü.M.) liegt. Dort schließt sich unserer Gruppe ein lieber, kleiner Hund, ein "Dorfkalender" an. Es will scheinbar einen Schnellkurs in Deutsch machen. Ich glaube aber, dass er nur Adolfs fränkische Würstchen gerochen hat. Beim Hochsteigen übers Feld nach Tschebon meldet sich deutlich mein linkes Knie und ich weiß nun ganz genau: dieser Tag ist für mich gelaufen.
16:30 Uhr, Kilometer 17,5:
Tschebon: die Würzburger treten den letzten Teil des Weges an: nach Gossmaul. Ich erkläre ihnen, wo die Wegbezeichung nicht ganz deutlich ist und auf einmal bin ich allein. Ich rufe meine Familie an, damit mich jemand zu meinem Wagen nach Tepl bringt. Aber keiner kann kommen. Nun lege ich mein Schicksal in die Hände der Muttergottes und frage einen Mann auf dem Marktplatz , ob er mich fahren könnte: „Ich bringe sie nach Theussing, kein Problem. Zahlen brauchen sie mir nichts, ich soll nämlich täglich ein gute Tat machen“, ist seine Antwort. Am Theussinger Marktplatz bekomme ich endlich etwas Kaltes zu trinken und mit Herrn Schierl kann ich die letzten Details für den Sonntag besprechen.
Der Würzburger Bus mit der zweiten Gruppe, die Karlsbad besucht hatten, holt mich um halb sechs in Theussing ab. Die "Wallleut", wie die Würzburger es nennen, steigen in Gossmaul zu. Sie haben den ersten Tag mit 23 Kilometer in den Füßen beendet. Sie waren schön müde. Wir wissen auch warum: drei Kilometer in Deutschland sind nämlich nicht gleich drei Kilometer in unserem Egerland, schon gar nicht im Tepler Hochland.
Wallfahrtstag, Sonntag, der 4. Juli 2010, Zoboles, 8:30 Uhr:
Der Bus ist angekommen. Wir beten die Laudes bei der Kapelle. Es schließen sich zwei tschechische Pilger an, die den ganzen (58 Kilometer) langen Pilgerweg schon von Donnerstag bis Samstag gewallt waren. Sie kamen uns eigens und liebenswürdigerweise aus Maria Stock entgegen um uns das letzte Wegstück zu führen. Wie sich schnell zeigen sollte, war das auch nötig, wenn wir rechtzeitig den Beginn der gemeinsamen Prozession erreichen wollten. Unsere Führer brachten ein großes Opfer: wer einmal diesen Weg über Stock und Stein, auf Wildwechseln quer durch den Wald herunter zur Schnella und wieder steil hinauf nach Maria Stock gelaufen ist, weiß worüber ich spreche. Dazu kommt noch die Tatsache, dass "Freunde" die Sterne (die Wegbezeichnungen des Wallfahrtswegs) und die sonstigen Markierungen zuschmierten, damit wir noch bis heute im Schnella- Tal herumlaufen sollten.
Pünktlich um 10 Uhr gelangen wir zum Kreuz, wo die Prozession startet. Der Hauptzelebrant P. Peter Fort aus Graslitz im Erzgebirge unterhält schon die Pilger mit Witzen und freut sich auf die Begegnung. Er war schon einmal in Maria Stock, und zwar vor 53 Jahren!
Um die 180 Pilger haben sich versammelt, was im Vergleich der letzten Jahre eine Rekordzahl ist! P. Fort stellt die Prozession unter das Thema "Gruß", abgeleitet aus der Begrüßung Marias und Elisabeths im Evangelium des „Heimsuchungsfestes“. Mit den Strophen des „Maria Stocker Wallfahrtsliedes“ und mehreren kurzen Meditationen zum Gebet dieses Tages - "Gegrüßet seist Du, Maria, voll der Gnade" - erreichen wir die Kirche.
Das Blechbläserquartett „Caecilia“ aus Karlsbad eröffnet den Gottesdienst mit einer Intrade und schon die ersten Töne zeigen, dass die musikalische Begleitung vom Feinsten wird. Auch P. Fort überrascht die Pilger, als er selbst auf der Guitarre das Taize-Magnifikat begleitet. Fleißig singen auch die „Taizé Sänger“ mit, die aus Prag kommen und schon am Vorabend in der Kirche eine „Nacht der Lichter“ gestaltet hatten.
Das Thema der Predigt schließt an das der Prozession an und wird erweitert um die Deutung der Begriffe „Stock“(= stützender Stab) und „Skoky“(=Sprung) für unser Pilgerleben. Die sehr lebhafte und aus tiefem Herz kommende Ansprache packt jeden. So viel Beifall hat die Stocker Kirche nicht oft erlebt. P. Fort führt so mitreißend durch die Liturgie, daß die Wallfahrer sich noch an mehreren Stellen zu spontanem Beifall hinreißen lassen.
Mit der „Europa-Fanfare“ endet der Gottesdienst. Noch zwei Tage nach diesem Ereignis bekomme ich Gänsehaut, wenn ich an den Stocker Wallfahrtstag 2010 denke.
Und zum Schluss eine Frage: wie geht’s meinem Knie? Obzwar ich noch den ganzen Sonntag hinke, spüre ich heute überhaupt keinen Schmerz mehr und kann sogar die Treppen steigen!!!
Man sieht, dass die Muttergottes in Maria Stock wirklich hilft, dass sie die Opfer der Pilger annimmt und sie dafür auch belohnt.
Belohnt wurden an diesem 4. Juli 2010 aber alle. Das beweist die Äußerung von Adolf Ullmann aus Würzburg nach dem Gottesdienst: „Das war eine der beeindruckendsten Wallfahrten nach Maria Stock seit 1981, seit dem ich hierher komme“.
Kollekte: 6.290,- Kr, 374, 13 EUR.











