Wenn das
Knie streikt…
(24 Fußkilometer
„Vorwallfahrt“ nach Maria Stock 26. und 27. Juni 2010)
Vom Richard
Sulko
Die
„Hauptwallfahrt“ nach Maria Stock am 4. Juli 2010 stand im Zeichen des
wiederbelebten Besuches aus Würzburg. Die dortige „Ackermann- Gemeinde“ will
nach Jahren Pause wieder mit größerer Anzahl der Pilger kommen und an dem
„Wallfahrtsweg“ teilnehmen. Wie mein Versuch das letzte Jahr zeigte, ist es
manchmal schwierig mitten um „Urwald“ den Pilgerpfad zu finden. Ich konnte also
nicht verantworten, dass unsere
Würzburger Freunde sich verlaufen wie ich und entweder in den dunklen Wäldern
verhungern, oder von wilden Tieren aufgefressen werden. Deswegen
beschloss ich gemeinsam mit Adolf Ullmann und seiner Frau Krista einer
Woche vor der Wallfahrt den Pfad auszuprobieren. Am Donnerstag erfuhr ich, dass
ich wegen der Krankheit selber laufen muss. Wenn man fünfzig wird, füllt man
sich immer jünger und aus Erfahrung vom letzten Jahr heraus wusste ich, dass ein
„schöner Spaziergang“ wird. Demut hatte ich nicht und freute mich auf
besinnliche Stunden, aber dieser „Spaziergang“ wurde zu einer großen Belehrung.
Pünktlich um acht Uhr stand ich vor dem Maria Stocker Gnadenbild in der
Konventkapelle im Stift Tepl. Und betete für den Segen. In der Küche bekam ich
von meinem Freund Frantisek ein großes „Tüpfl“ Kaffee und es konnte losgehen:
Mein Weg führte am alten Klosterfriedhof vorbei, über das Dorf Schafhäuser
mitten in den Wald. Als ich nach Gutwasser kam, wurde ich von der Leiterin der
dortigen Gemeinschaft „Tschechische Westen“ begrüßt, die versucht die
schwächeren sozialen Gruppen in ein normales Leben einzubinden. Diese
„Die schönste Wallfahrt in dreißig Jahren“
(Wallfahrt nach Maria Stock am 4. Juli 2010)
von Richard Sulko
Freitag, der 2. Juli 2010, Marienbad,
20:30 Uhr:
Beim Hotel „Rübezahl“ trifft ihr
Bus mit 37 Personen ein: nach 3 Jahren Pause kommt die Ackermann- Gemeinde aus
Würzburg zur neu belebten Wallfahrt nach Maria Stock! Nach einer Präsentation
beim InfoTag der Würzburger Ackermann-Gemeinde durch Jiri Schierl, den
Vorsitzenden des Vereines „Pod Strechou (Unter dem Dach)“, über den neuen
Pilgerweg von Tepl nach Maria Stock , beschloss diese Gemeinschaft an der
Wallfahrt teilzunehmen und den Weg auszuprobieren.
Noch am Abend führen die Würzburger Teilnehmer mit
mir ein Gespräch über die Lage der Deutschen
und die seelsorgliche Situation der Kirche in Westböhmen.
Samstag, der 3. Juli 2010, Stift Tepl, 9:00 Uhr
Der Bus mit den Pilgern parkt an dem Klosterparkplatz. Wir bewegen uns in
die für eine Hochzeit geschmückte Klosterkirche: hunderte von Lilien hüllen uns
mit ihrem Duft ein. Am Grab des
Seligen Hroznata,
des Patrons der Diözese
Pilsen, beten und singen die Wallfahrer
nun die Laudes.
9:45 Uhr:
Kilometer 0: Acht Pilger machen sich auf den Weg. Ein zügiges Tempo führt
uns an dem alten Klosterfriedhof
vorbei, den die Mitglieder aus dem „Bund der Deutschen- Landschaft Egerland“ und
die „Egerland – Jugend“ schon seit siebzehn Jahren immer zu Christi -
Himmelfahrt säubern. Hinter dem Dorf
Schaffhäuser geht’s in den Wald hinein. Hohe Fichten,
himmlische Ruhe, die nur vom
Gezwitscher der vielen Vögel "gestört" wird, stimmen
die Wallfahrer demütig. Wir verlassen den Wald und kommen zu einer
Stelle, wo früher das Dorf Zeberhisch stand. In diesem Dorf mit 25 Häusern wurde
am 1757 der Astronom Alois Martin
David geboren. Kaiser Franz I.
machte ihn 1815 zum Rektor der
Prager Karlsuniversität. David starb 1836 in Tepl
und ist auf dem dortigen Friedhof begraben. Der Verein „Unter
dem Dach“ hat gemeinsam mit dem Karlsbader Bezirk dem Astrologen David
ein kleines Denkmal gesetzt, das
mitten im ehemaligen Dorfareal zu
finden ist.
12.01 Uhr:
Die Pilger betreten das Trappisten- Kloster in Nový Dvur (Neuhof) um das
Mittagsgebet (Sexta) zu erleben.
Damit wir rechtzeitig ankamen,
mussten wir den letzten Kilometer in
scharfem Eilmarsch zurücklegen. Und bis man dann auch noch
den Eingang in die Kirche findet....
Das Erleben der neuen Kirche in ihrer schlichten Formensprache, aber
grandiosen Lichtführung, die 27 durchweg jungen Mönche in ihrem weißen Habit vor
dem dunklen Chorgestühl und ihr Ruhe und Gelassenheit verströmender , sauber
intonierter und homogener Psalmengesang machten diese 20 Minuten zum Höhepunkt
des Wallfahrtstages. Gerne wären wir länger geblieben. Die Regeln des Klosters
lassen dies aber nicht zu.
12: 30 Uhr, Kilometer 10,3:
Erste Verschnaufpause, mitten im Wald. Unterhalb des Trappistenklosters an
einer Waldlichtung stärken wir uns. Ich wechsle meine Schuhe. Mein linkes Knie
bekommt eine neue Bandage. Wir gehen weiter, steigen und stolpern mitten durch
die Ruinen eines Dorfes, das
die wuchernde Natur langsam unter
sich begräbt, stapfen ein schönes, schattiges
Tal entlang bis wir den Besikauer Bach überqueren. Dann
geht es steil nach oben und
auf der kurvenreichen Straße nach
Branischau. Dort können wir ein Denkmal bewundern, das erhalten und erneuert
wurde ( was in der CR immer aufs Neue verwundert ) und
deutlich an die Geschichte des 20.Jahrhunderts erinnert: „Zur Erinnerung
an unseren Sohn Franz Wanka, gefallen 6.7. 1916 am Monte Zebio, i. 24.
Lebensjahre“, lautet die Inschrift in deutscher Sprache.
15:00 Uhr, Kilometer 14,5:
Ruine der Wallfahrtskirche St. Blasius: Ein herrlicher Platz für
unsere nächste Andacht. Wir
bewundern die gerettete Kirche, ihren vom Schutt befreiten Innenraum und den nun
schön begrünten Kirchenhügel : das
Mauerwerk ist sauber und gegen Witterung gesichert. Die Eingänge sind mit
schlichten, schmiedeeisernen Gittertoren versehen.
Nun beginnt der letzte Wegabschnitt: Wieder bergauf übers Dorf Neschikau,
das am Fuße des Tscheboner
Berges (824 ü.M.) liegt. Dort
schließt sich unserer Gruppe ein lieber, kleiner Hund, ein "Dorfkalender" an. Es
will scheinbar einen Schnellkurs in Deutsch machen. Ich glaube aber, dass er nur
Adolfs fränkische Würstchen gerochen hat. Beim Hochsteigen übers Feld
nach Tschebon meldet sich deutlich mein linkes Knie und ich weiß nun ganz genau:
dieser Tag ist für mich gelaufen.
16:30 Uhr, Kilometer 17,5:
Tschebon: die Würzburger treten den letzten Teil des Weges an: nach Gossmaul.
Ich erkläre ihnen, wo die Wegbezeichung nicht ganz deutlich ist und auf einmal
bin ich allein. Ich rufe meine Familie an, damit
mich jemand zu meinem Wagen nach Tepl bringt. Aber keiner kann kommen.
Nun lege ich mein Schicksal in die Hände der Muttergottes und frage
einen Mann auf dem Marktplatz , ob er mich fahren könnte: „Ich bringe sie
nach Theussing, kein Problem. Zahlen brauchen sie mir nichts, ich soll nämlich
täglich ein gute Tat machen“, ist seine Antwort. Am Theussinger Marktplatz
bekomme ich endlich etwas Kaltes zu
trinken und mit Herrn Schierl kann ich die letzten Details für den Sonntag
besprechen.
Der Würzburger Bus mit der zweiten Gruppe, die Karlsbad besucht hatten, holt
mich um halb sechs in Theussing ab. Die "Wallleut", wie die Würzburger es
nennen, steigen in Gossmaul zu. Sie haben den ersten Tag mit 23 Kilometer in den
Füßen beendet. Sie waren schön müde.
Wir wissen auch warum: drei Kilometer in Deutschland sind
nämlich nicht gleich drei Kilometer in unserem Egerland, schon gar nicht
im Tepler Hochland.
Wallfahrtstag, Sonntag, der 4. Juli 2010, Zoboles, 8:30 Uhr:
Der Bus ist angekommen. Wir beten die Laudes bei der Kapelle. Es schließen
sich zwei tschechische Pilger an, die den ganzen (58 Kilometer) langen Pilgerweg
schon von Donnerstag bis
Samstag gewallt waren. Sie kamen uns
eigens und liebenswürdigerweise aus Maria Stock entgegen
um uns das letzte Wegstück zu führen. Wie sich schnell zeigen sollte, war
das auch nötig, wenn
wir rechtzeitig den Beginn
der gemeinsamen Prozession erreichen wollten. Unsere Führer brachten ein großes
Opfer: wer einmal diesen Weg über
Stock und Stein, auf Wildwechseln quer durch den Wald herunter zur Schnella und
wieder steil hinauf nach Maria Stock
gelaufen ist, weiß worüber ich spreche. Dazu kommt noch die Tatsache, dass
"Freunde" die Sterne (die Wegbezeichnungen des Wallfahrtswegs) und die sonstigen
Markierungen zuschmierten, damit wir
noch bis heute im Schnella- Tal herumlaufen sollten.
Pünktlich um 10 Uhr gelangen wir zum Kreuz, wo die Prozession startet. Der
Hauptzelebrant P. Peter Fort aus Graslitz im Erzgebirge unterhält schon die
Pilger mit Witzen und freut sich auf die Begegnung. Er war schon einmal in Maria
Stock, und zwar vor 53 Jahren!
Um die 180 Pilger haben sich versammelt, was im Vergleich der letzten Jahre
eine Rekordzahl ist! P. Fort stellt die Prozession
unter das Thema "Gruß",
abgeleitet aus der Begrüßung Marias und Elisabeths im Evangelium des
„Heimsuchungsfestes“. Mit den Strophen des
„Maria Stocker Wallfahrtsliedes“ und mehreren kurzen Meditationen zum
Gebet dieses Tages - "Gegrüßet seist Du, Maria, voll der Gnade" - erreichen wir
die Kirche.
Das Blechbläserquartett „Caecilia“ aus Karlsbad eröffnet den Gottesdienst
mit einer Intrade und schon die
ersten Töne zeigen, dass die musikalische Begleitung vom Feinsten wird. Auch P.
Fort überrascht die Pilger, als er selbst auf der Guitarre das Taize-Magnifikat
begleitet. Fleißig singen auch die „Taizé Sänger“ mit, die aus Prag kommen und
schon am Vorabend in der Kirche eine „Nacht der Lichter“ gestaltet hatten.
Das Thema der Predigt schließt
an das der Prozession an und wird
erweitert um die Deutung der Begriffe „Stock“(= stützender Stab) und „Skoky“(=Sprung)
für unser Pilgerleben. Die sehr
lebhafte und aus tiefem Herz
kommende Ansprache packt jeden. So
viel Beifall hat die Stocker Kirche
nicht oft erlebt. P. Fort führt so mitreißend durch die Liturgie, daß die
Wallfahrer sich noch an mehreren Stellen zu spontanem Beifall hinreißen lassen.
Mit der „Europa-Fanfare“ endet
der Gottesdienst. Noch zwei Tage nach diesem Ereignis bekomme ich
Gänsehaut, wenn ich an den Stocker Wallfahrtstag 2010 denke.
Und zum Schluss eine Frage: wie geht’s
meinem Knie? Obzwar ich noch den ganzen Sonntag
hinke, spüre ich heute überhaupt keinen Schmerz mehr
und kann sogar die Treppen
steigen!!!
Man sieht, dass die Muttergottes in Maria Stock wirklich hilft, dass sie die
Opfer der Pilger
annimmt und sie dafür auch belohnt.
Belohnt wurden an diesem 4. Juli 2010
aber alle. Das beweist die Äußerung von
Adolf Ullmann aus Würzburg nach dem Gottesdienst: „Das war eine der
beeindruckendsten Wallfahrten
nach Maria Stock seit 1981, seit dem ich hierher komme“.
Kollekte: 6.290,- Kr, 374, 13 EUR.









