AKTUELL

Verständigung auf Eghalåndrisch
Richard Sulko

 

Es ist Sonntagabend. Die Dunkelheit hat schon längst die Macht übernommen und ich sitze in meinem Arbeitszimmer und halte in meinen Händen ein kleines Heft mit der Anschrift „Porozumení“ – „Verständigung“. Meine Gedanken fliegen zwei Tage zurück. Draußen hinter dem Fenster ist es eiskalt aber meiner Seele ist schön warm. Was war es, was mein Herz eine Woche vor dem ersten Advent so erfreute?

Die Geschichte fing vor einer sehr langen Zeit an. Aus dem Egerland wurden Egerländer vertrieben und einige fanden ihre neue Heimat in Herzogenaurach. Die Zeiten waren damals sehr schlecht und die, die ohne Hab und Gut in ein zerstörtes Land kamen, waren an die Hilfe anderer angewiesen. Jahre vergingen und diese Menschen bauten sich mit sehr viel Kraft eine neue Existenz auf. Eine „Egerländer Gmoin“ wurde gegründet und Kindern und Enkelkindern die Liebe zu ihrer alten Heimat übergeben. Nun kam die Wende und diese Menschen konnten ihre verkommene Heimat mit manchmal seltsamen Menschen, die dort wohnten, wieder besuchen. Besucht worden sind auch die Egerländer, die in der Heimat bleiben durften, oder mussten. Freundschaften sind entstanden und es wurde immer mehr und mehr gemeinsames unternommen. Zu Weihnachten vor einem Jahr entschlossen sich einige Mitglieder dieser Gmoin, sie möchten auch mal anderen Menschen helfen. Auf dem Christkindlmarkt haben sie in den schwierigsten Bedingungen Liwanzen verkauft. Der Teig streikte in der Kälte aber es war ein großer Erfolg. Teig musste mehrmals nachgemacht werden und als am Abend der Erlös gezählt wurde, staunten alle: 725,- EURO brachte die „Liwanzenaktion“!Die Leiterin spricht mit ihrem Sohn

Wie kann man am besten so eine Summe ausnützen, fragte sich die Vorstandschaft und suchte den Rat beim „Bundesvüarstäiha“ Günther Müller: „Wisst ihr was, das beste wäre, wenn ihr euch an den „Moala Richard“ wendet. Der wird schon wissen, wie man es in seiner Heimat anwenden könnte“, war seine Antwort.

Nach dem Anruf von der Helga Burkhardt, der „Gmoinvüarstäihare“ freute ich mich gleich zweimal: einmal über die Bereitschaft in der alten Heimat zu helfen; denn jede Hilfe baut alte Vorurteile weg und zum zweitenmal über Möglichkeit dort zu helfen, wo auch uns geholfen wurde. In Chodau gibt es eine unserer „Ortsgruppen“ im „Bund der Deutschen – Landschaft Egerland“. Die ist sehr aktiv und hat ein sehr gutes Verhältnis zu der Stadt. Und es war gerade diese Stadt, die uns finanziell und auch organisatorisch bei unserer Maßnahme „Musik kennt keine Grenzen“ zweimal geholfen hat. Die Wahl war also nicht so schwer: Ich rief die Frau Sarkanyova aus dem Stadtamt an und bekam Kontakt auf das Heim für die behinderten Kinder in Chodau. Nach gegenseitigen Übereinstimmungen war es also so weit und ich machte mich am Freitag, den 19. November 2004 auf den Weg nach Chodau. Als ich von zu Hause wegfuhr, wusste ich noch nicht, was für einen schönen Urlaubstag ich erleben werde.

Nach der Ankunft fuhr ich zu der dortigen Vorsitzenden, Frau Anna Unger, die mich schon mit ihrer Stellvertreterin Brigitte Svec erwartete. Als wir zu der Kirche kamen, die wir als Treffpunkt mit den Herzogenaurachern wählten, sahen wir schon unsere Gäste kommen: „Gmoinvüarstäihare“ Helga Burkhardt mit ihren Mann Klaus; Christoph Lippert und Traudl Fritsch ergänzten die „Delegation“ aus Deutschland.

Gemeinsam und mit gemischten Gefühlen fuhren wir zu dem Kindergarten, wo diese Einrichtung ist.

Frau Burkhardt übergibt die SpendeSchon bei der Begrüßung gingen unsere Herzen auf: Frau Vera Bráborcová, die Leiterin dieses Heimes sprach ein sehr gutes Deutsch, sogar mit einigen „eghalånda Wörtern“ „ausgebessert“. Bei einer Tasse Kaffee und paar Süßigkeiten wurde dann erzählt: Über das Schicksal der vertriebenen Egerländer und über die schwierige Geburt dieses Heimes, wo 32 behinderte Kinder zur Zeit leben. Beim erzählen des Schicksals von den „verbliebenen“ Egerländern stellte sich heraus, dass Frau Bráborcová auch egerländer Vorfahren hat und dass sie sich sehr gut mit der Frau Unger kennt. Diese sehr tapfere Frau erzählte uns dann auch ihr Schicksal, sie hat nämlich auch ihr Kind in ihrer Einrichtung unterbringen müssen. „Wir müssen das im Leben suchen, was schön“ ist, notierte ich mir ihre Worte. Nach wirklich herzlichen zwei Stunden übergab dann Frau Burkhardt die Spende, die zum Einkauf von Musikinstrumenten gebraucht wird. Die Kinder erfreuen nämlich auch mit Musik andere Menschen und kommen sehr viel herum. Sie haben sogar Freunde in Deutschland gefunden, im Städtchen Irchenried, in der Nähe der dt.- tsch. Grenze. Nach der Übergabe wurde uns dann die komplette Einrichtung gezeigt und zum Abschied bekam dann jeder von uns ein kleines Geschenk, was die Kinder selber bastelten. Noch in der Tür wurden die Kinder zu der Weihnachtsfeier der dortigen Ortsgruppe der Deutschen eingeladen und somit hat dieser Besuch noch ein anderes Maß an Bedeutung bekommen.

       Es sind schon zwei für mich anspruchsvolle Tage vergangen, aber die Wärme, die sicher nicht nur in meiner Brust seit Freitag ist lässt mich hoffen, dass wir alle doch einmal zu Verständigung gelangen.

 

Nachwort: es gibt so viele egerländer Gmoin auf der ganzen Welt, ob die Wärme auch woanders zu schaffen wäre?

 

v.l.: Fr. Svec, Fr. Fritsch, Herr und Frau Burkhardt, Christoph Lippert, Fr. Bráborcová, Hr. Sulko, fr. Unger "da Winta is ins Eghaland boal kumma..."

 

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